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Bürokraten-Briefe : IV. Vom Nachtwächteramt des Staates
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Vlickein d«5 Gesellschaftsleben zur Zeit der französischen Konsularregierung 243

flussendenSphären" nicht mehr aristokratisch, sondern proletarisch sind, macht das Gesamtbild in seiner gesteigerten Roheit noch abstoßender, ändert aber am Wesen der Sache nichts. Halten kann sich der rote Terror auf die Dauer ebensowenig wie alle übrigen sozialistischen Experimente. Wenn wir eines Tages aus diesem Fieber­traum erwachen, dann werden Staat und Gesellschaft vor der Aufgabe stehen, die individualistische Wirtschaftsform, als die einzige, in der die Menschheit auf ihrer heutigen Entwicklungsstufe arbeiten und produzieren kann, auf einem Trümmerfeld« wieder aufzubauen. Dann wird sich vielleicht von neuem die Gelegenheit bieten, durch organische Beeinflussung der Entwicklung die Übermacht des Kapitals ein­zudämmen. Gebe der Himmel, daß dann nachgeholt wird, was in den letzten hundert Jahren versäumt wurde!

Blicke in das GeseNschaftsleben zur Zeit der französischen konsularregierung

von Dr. Willy Müller (Schluß.)

Bezeichnend für das gesellschaftliche Leben der Jahre vor der Errichtung des Kaiserthrones ist aber auch das allmähliche Entstehen und die weitere Aus­bildung einer bonaparteschen Hofhaltung. November 1799 siedelte der Haushalt des Ersten Konsuls aus der bisherigen bescheidenen Privatwohnung in das Petit- Luxembourg über, und hier tauchte im Salon Josephinens das so lange verpönt gewesene WortMadame" wieder auf, dieCitoyenne" verschwand allerdings erst nach und nach - von der Bildfläche. Und schon im Februar des folgenden Jahres vertauschte man das Luxembourg mit den Tuilerien. Bonaparte hatte nun, wo repräsentiert werden sollte, nichts Eiligeres zu tun, als den Zutritt zum Salon seiner Gattin allen Vertreterinnen einer laxen Moral zu untersagen, was Josephine, die mit dieser unstäten Welt einigermaßen verwachsen war, viele Tränen kostete/ selbst Frau Tallien, mit der sie jahrelang das gleiche Interesse intensivsten Lebensgenusses verbunden hatte, wurde veranlaßt zu weichen, um so mehr, als stch ihren früheren Sünden neuerdings das Verhältnis zu Herrn Ouvrard gesellte. Eine einzige Ausnahme mußte der Konsul bei diesem Reinigungsprozesse aller­dings machen: Joscphine selbst blieb. Dann aber galt es, eine neue Hofgesellschaft M konstituieren. Die Guillotine hatte glücklicherweise einen Tanzmeister von Ruf, Herrn Despr6aux, verschont, dem, da er als lebendiger Anstandskodex galt, sich anvertraute, was in aller Eile ein formvollendeter Kavalier oder eine große Dame werden wollte/ und neben ihm spielte die Rolle der Pythia in allen Fragen des guten Tones Frau Campan, einst erste Kammerfrau Marie Antoinettes. Sie kramte eifrig in dem Schatze ihrer Erinnerungen, um die alte Höfordnung der Königszeit möglichst vollständig zu reproduzieren/ und auch durch Frau von Montesson, die sich den neuen Verhältnissen gegenüber bald nicht mehr völlig ablehnend verhielt, ließ Bonaparte sich gern belehren. Im März 1802 wurden die ersten, die neue Etikette regelnden Vorschriften erlassen, die Dienerschaft erhielt