Um Gberschlesien!
von Legationsrat Frhrn. von Rhein baben, m. d. R.
ie Abtretung Oberschlesiens an Polen ist auch nicht im Interesse der übrigen Staaten Europas und der Welt; denn sie schafft zweifellos neue Elemente von Zwist und Gegnerschaft. Die Fortnahme Oberschlesiens würde Deutschland eine niemals heilende Wunde schlagen, und die Wiedergewinnung des verlorenen Landes würde von der ersten Stunde des Verlustes an der glühende Wunsch eines jeden Deutschen sein. Das würde den Frieden Europas und der Welt schwer gefährden. Es liegt eigensten Interesse der alliierten und assoziierten Mächte, Oberschlesien bei Deutschland zu belassen, denn Verpflichtungenaus demWeltkriege kau nDeutsch land höchstens mit, niemals aber ohne Oberschlesien erfüllen."
So lautete der Schluß des Absatzes über Oberschlesien in den Gegenvorschlägen der deutschen Regierung vom 29. Mai 1919 gegenüber dem ersten Versailler Friedensdiktat, das die Abtretung Oberschlesiens an Polen enthielt. Das Aufbäumen, nicht nur der oberschlesischen Bevölkerung selbst, sondern des ganzen deutschen Volkes, nicht zuletzt gerade gegen diese ungeheure Vergewaltigung, hat uns dann im zweiten und endgültigen Friedensdiktat die Abstimmung in Ober- schlesicn als eine der wesentlichsten Konzessionen gebracht. Heute trennen uns nur wenige Wochen von dem Tage, an dem diese Abstimmung stattfinden, an dem entschieden werden soll, ob überhaupt die Möglichkeit besteht, daß es auch sürderhm so etwas wie eine deutsche Wirtschaft und ein einiges deutsches Volk geben wird. Wir sind mit den Sorgen des Tages, mit intensiver sonstiger Arbeit oder auch mit unwesentlichen anderen Dingen so beschäftigt, daß trotz allem, was gerade in den letzten Monaten in Oberschlesien geschah, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit beider immer noch nicht den Anteil an dieser entscheidenden Frage nimmt, den sie verlangen kann und verlangen muß. Werfen wir darum in diesen, der schicksalschweren Entscheidung voraufgehenden Tagen noch einmal einen ganz kurzen Rückblick auf die wichtigsten Phasen der Entwicklung der „Oberschlesischen Frage" seit den, verhängnisvollen 9. November 1918. Grenzboten IV 19S0 1«