Die neue Armut und die neuen Armen*)
von Fritz Rern I. 1.
ir sind uns klar darüber, daß das deutsche Volk mitten in einer Katastrophe steht, und doch freut sich jeder von uns, solange die Sonne scheint, wieder verstohlen des Lebens, indem er die Wirklichkeit vergißt. Wir martern uns durch Zahlen und Erkenntnisse, die vernichtend erscheinen, und dann setzen wir uns zu Tisch mit dem Stoßseufzer: man könnte überhaupt nicht mehr leben und wirken, wenn man nicht jene Zahlen auf Augenblicke abschüttelte! Wie der Schwindsüchtige bis zum letzten Augenblick an das Leben glaubt, so sind wir abgehärtet gegen Katastrophen und vernichtende Eindrücke, denn immer kam wieder ein Tag, und immer ist uns noch das Letzte erspart geblieben. Muß es denn wirklich kommen? Und wenn es kommen muß, sollen wir dann nicht umso heißer den Schein des Lebens, der uns umgibt, genießen? Vielleicht macht doch die Logik der Ereignisse irgendwo holt; vielleicht geschieht das Wunder ohne unser Zutun von außen; vielleicht, während die Tendenz der unerbittlichen Zahlen immer jäher in die Tiefe führt, steht das entschwundene, uns noch so nahe Behagen der vergangenen Jahre wie eine Fata Morgana in einer traumhaft schwankenden Zukunft wieder auf. Seit sechs Jahren leben wir in einem unausgesetzten Trommelfeuer stärkster Erschütterungen. Das stumpft ab. Und doch sind die Zahlen wahr, und wenn wir uns nicht täglich und stündlich am eigenen Schöpfe packen, um uns aus dem Sumpfe selbstzufriedener Halbheiten zu reißen, so muß uns der Sumpf verschlingen.
Einer der wenigen nüchtern blickenden sozialistischen Wirtschaftsschriftsteller, Richard Calwer, hat im Oktober 1920 die Forderung aufgestellt, daß, um den sonst unvermeidlichen Staatsbankerott zu verhüten, die Löhne und Gehälter aller Arbeiter und Beamten um 50 vom Hundert herabgesetzt, die Arbeitszeit von 8 auf 1t Stunden «Höht, der Arbeitszwang eingeführt, alle überflüssigen Beamten und Arbeiter entlassen, der Zinsfuß der fundierten Schulden auf 25 v. H. ermäßigt, die Arbeitslosenunterstützung aufgehoben, der Druck neuer Banknoten vollständig eingestellt werde. Auch nach Durchführung dieser Punkte — Calwer selbst zweifelt an ihrer Durchführbarkeit — würde es noch nicht einmal gewiß sein, ob sich der „Zusammenbruch" in verhältnismäßig naher Zukunft verhüten ließe.
Nachstehendes sind die Grundacdcmken deS Vortrages, mit welchem der VII. evangelisch- landeskirchliche sonale Kursus zu Berlin und Düsseldorf, September und Okwber 19S0 eingeleitet wurde. Nach dein Plan des Kursus sollte der Vortrag auch einen Überblick über die . gesamte wirtschaftliche Laae Deutschlands geben; doch konnte ein Teil dieser Aufgabe durch den Nieder«scheu Vortrag (Grenzboten, Heft 47/48) als ersüllt angesehen werden. Weitere Aiteraturangaben siehe am Schluß.
Fritz Kern, Die neu- Armut und die neuen Armen 1
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