Die elsaß-lothringische Lehre
Zum 22. November von Max Hildebert Voehm
ir feierten in helleren Zeiten die Gedenktage, die als geschichtliche Marksteine den Aufstieg der Nation abzeichnen. Wir sollten auch heute und gerade heute solcher Tage gedenken, um aus der Erinnerung an die Taten der Väter frischen Lebensmut in drückender Zeit zu schöpfen. Wir sollen aber auch der dunklen Tage eingedenk sein, der Tage der Schande, in denen unser Zusammenbruch sich ausprägt. An ihrem Gedächtnis soll sich die Leidenschaft entzünden, die einem Volk die Schwingen gibt, um sich aus Verfall und Zerrüttung wieder auf die Höhen zu heben, in denen allein sich große Geschichte abspielt.
Im Schicksal unserer Grenzländer spiegelt sich unser nationales Unheil wieder, in ihren Schicksalstagen besiegelt sich das Geschick des ganzen deutschen Volkes. Ein solcher schwärzer Tag ist der 22. November, der Tag, an dem der Überwinder in das deutsche Straßburg einzog, als auf Erwins Münsterturm die Trikolore aufstieg, als dem Frieden der 14 Punkte der sogenannten Gerechtigkeit zunächst einmal der Raub unzweifelhaft deutschen Landes vorweggenommen wurde. Dieses Tages sollen wir in Trauer und Zorn gedenken, solange es in unserem geknechteten Volke Noch einen Funken von Stolz und Würde, einen Hauch von nationaler Selbstachtung gibt.
Der 22. November ist ein Tag der Besinnung. Er richtet an uns die Frage: wie kommt es, daß dieser Tag immerhin für eine ganze Zahl deutscher Volksgenossen ein Tag des Freudenrausches war? War es nur der Wankelmut des Grenzlünders, der Eisässern und Lothringern eine Beglückung durch Ludwig des Vierzehnten Nachfahren vorgaukelte? War es die ewig deutsche Selbstentzwciung, die sich hier so grundhäßlich auswirkte? Oder war es im Grunde deutsche Treue, die den Elsässer und Lothringer ein halbes Jahrhundert an die langgewohnte wer« Mris gefesselt hatte, eine merkwürdig perverse Treue, die sich gegen die Stimme des Blutes auflehnte, aber eben doch aus deutscher Wesensart kam? Oder war es wirklich nur eine Kette von Vehandlungsfehlern, durch die wir die Sympathien des Reichslandes verfehlt oder verscharrt hatten?
Grenzbotcn IV 19S0
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