Massenbildung
von Dr. R. Schacht
er Krieg hat uns in bezug auf viele Dinge den Sinn für das normale Maß geraubt. Wir gewöhnten uns, im Kolossalen zu schwelgen. Unter Tausenden von Geschützen, Hunderttausenden von Gefangenen, Milliarden in Staatsschulden tat man es nicht. Gleichzeitig hat uns der Krieg an eine falsche Großzügigkeit gewöhnt. Dem Frontsoldaten sah man's nach. Wer Hütte ihn richten wollen! Schlimmer war, daß Etappe und Heimat sich bemüßigt fühlten, diese forsche Großzügigkeit (in der echtes frisches Draufgängertum sich mit müder Schlamperei mischte) auch da nachzuahmen, wo solide Arbeit mehr und Dauerhaftes geleistet hätte. Allüberall tauchte so ein Poseur der Großzügigkeit auf, erfand eine Sache, übergaukelte alle Bedenken mit begeisterten Druckpapierphrasen, „schuf" eine „Organisation", breitete sich und seinen Dienst-„betrieb" aus, setzte ungeheure Mengen von Verfügungen, Formularen, Aktenstößen in die Welt, und „bewies", wenn einmal nüchtern Gebliebenen Bedenken über die Zweckmäßigkeit dieser Betriebsamkeit kamen, seine absolute Notwendigkeit (und Unabkömmlichkeit) und das köstlich Segensreiche seiner Tätigkeit mit riesigen Zahlen. Soundsoviel Akteneingänge und -ausgänge, soundsoviel Schreibmaschinen, Bureaus, Angestellte, Telephone, Zweigstellen, und in Halb- oder Vierteljahresabständen gab es statistische Tabellen, die, sauber aquarelliert, das Anwachsen des Betriebes und die Menge der bewältigten „Arbeit" graphisch darstellten. Mit Riesenzahlen wurde jedes Bedenken totgeschlagen. Auf die Zahl kam es an, nach der positiv geleisteten Arbeit fragte kein Mensch.
Der Krieg ist vorüber. Der „Betrieb" aber ist geblieben. Nur hat er zum Teil das Objekt gewechselt. Es gilt nicht mehr durchhalten, sondern „aushalten". All die Leute, die sich früher harmlos in Zeitschriftenaufsätzen, ungedruckter Lyrik und Epigonendramen austobten, haben jetzt, da die Papierteuerung ihnen derlei Betätigung erschwert, ein neues Betätigungsfeld gefunden: Massenbildung. Man hat entdeckt, daß die Volksmassen zwar nicht satt zu essen, aber ein „kolossales" Bildungsbedürfnis haben. Wo Feuer ist, da muß Rauch gemacht werden. Grenzbotm IV 1920 10