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Zum tonsetzerischen Schaffen der Gegenwart
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Zum tonsetzerischen Schaffen der Gegenwart

ZUM tonsetzerischen schaffen der Gegenwart

von Dr. Hans Joachim Moser, Privatdozent der Musikwissenschaft an der Universität Halle

ie Entwicklung jeder Kunst wechselt zwischen Windstille und Sturm, jahrhundertelanges ruhiges Wachstum wird von Zeit zu Zeit durch Naturkatastrophen abgelöst, die alles umzustürzen und zu zermalmen drohen. Hat aber der Wettergott den Himmel rein gefegt^ so strahlt aus dem alten Blau wieder die alte Sonne herab und das frischgewaschene Erdreich leuchtet verjüngt auf. Haben auch hier und da die entfesselten Gewalten dem Wasser einen neuen Weg gebahnt und einen morschen Baum gestürzt, so meint der Zuschauer doch, es hätte so großen Aufwandes an Dramatik gar nicht bedurft, um zu dem schließlichen Ergebnis zu gelangen. Die Geschichte der deutschen Musik hat mehrmals der­artige Wirbelwinde erlebt, wo ein furioses Prestissimo plötzlich in das freundliche Andante des historischen Werdens mit wilden Dissonanzen hineingebrochen ist. Wenn da zwei Chronisten des 14. Jahrhunderts unabhängig voneinander be­richten:Die Musik hat sich sprungartig bereichert und verändert, und wer noch kürzlich der beste Pfeifer war im Land, der dünkt den Leuten jetzt vor lauter neuen Liedern keine Fliege mehr wert zu sein -", dann grollt aus so großer zeitlicher Entfernung nur noch ein schwacher Widerhall schwerer Gewitter nach. Schon wesentlich stürmischer erscheint uus Heutigen das Echo, das die von Italien her ums Jahr 1610 nach Deutschland hereindringende Kunst des Generalbasses bei einem Schütz, Schein, Michel Praetorius geweckt hat, und noch ein Menschen- alter später hat der so heraufgeschworene Konflikt zwischen den Organisten als den Aposteln der neumodischen Harmonik und den Kantoren als den Anhängern der alten, kontrapunktlichen Chorkunst bis zu handgreiflichen Auseinander­setzungen Anlaß gegeben. Wieder solch eine schrille Perpetie bedeutete der scharfe Schnitt um 1750 zwischen dem Stil des abklingenden Bachzeitalters und dem von Wien und Mannheim her heraufgeführten Stil der Empfindsamkeit, der letzten Endes als Auftakt zur Beethovenschen Romantik angesprochen werden muß. Und heute erleben wir von neuem einen stürmischen Szenenwechsel.

Die Epoche Wagner-Brahms-Bruckner liegt zweifellos in den letzten Zügen. Denn wenn die erste diesen Meistern nachgefolgte Generation der Pfitzner, Reger, R. Strauß, Mahler, Humperdinck, Woyrsch usw. auch mehr und besseres gewesen ist denn bloßes Epigonentum, ja Kühnes und Neues ge­wollt hat oder noch will, so ist es doch immerhin ein heute durchschnittlich fast sechzig Jahre alt ge wordner Jahrgang abgeklärten Weines, der auch schon wieder von einer jüngeren Partei als der Kreis dergemäßigt Konservativen" be-. trachtet wird.

Es fragt sich nun, was dieses Geschlecht der jetzt Dreißig- bis Vierzig­jährigen wert ist und wohin es zu rechnen seinoch diesseits oder schon jenseits der Paßhöhe, in deren Nähe wir uns allen Anzeichen nach befinden? Die Haupt­namen, um die sich das Interesse der Gegenwart und nächsten Zukunft dreht, sind die Österreicher Arnold Schönberg und Franz Schreker, denen sich als