Auslieferungsfrage und Ostproblem
von Max Hildebert Boehm
ir gehen wieder — nach einer kurzen Atempause — beklemmend schweren Zeiten entgegen. Nur das eine Heilvolle vermögen wir in der akuten Krise, zu der sich die Auslieferungsfrage zugespitzt hat, noch zu entdecken: sie öffnet dem Blindestenden Blick dafür, daß es für die Nation ums Ganze geht. Äußere und innere, nationale und wirtschaftliche Probleme, Fragen der Ehre und der Existenz sich derart durchdrungen, daß künstliche und taktische Scheidungen nicht mehr verfangen. Die Tragweite der Unterschrift vom 28. Juni 1918 begriffen nur wenige. Und weil nur wenige sie begreifen konnten, erschien die Verweigerung «uch manchen Festgesinnten als verfehlt. Die Auslieferung nicht von Hunderten, sondern wie sich nunmehr herausstellt von Tausenden unserer Besten und Treuesten ist ein Akt, dessen Ungeheuerlichkeit der schlichteste Verstand ermißt. Deshalb liegt heute die Entscheidung nicht mehr bei der Regierung oder bei der Nationalversammlung, sondern beim Volk. Sie wird von jedem Soldaten, von jedem Beamten, sie wird von uns allen einzeln gefordert. Da der Umfall der ganzen Kation in diesem Punkt undenkbar ist, bedeutet die Entscheidung zugleich mit der äußeren die innere Machtprobe. Die innere Front aber verläuft nicht nach den Parteigrenzen, sondern sie scheidet die Entschlossenen von den Geschleiften, die lebendigen Träger nationalen Gemeingefühls von den abgestorbenen Gliedern «er Volksgemeinschaft, die anständigen Menschen von den Lumpen, die Tapferen von den Feiglingen. Wenn alle Konsequenzen klarliegen werden, dann wird sich Zeigen, daß die Front durch alle Parteien mitten hindurchgeht. Und am Grade «er Einmütigkeit wird sich erweisen, wieviel Recht auf Zukunft wir noch durch allen nationalen Verfall in den vergrabenen Tiefen unseres Innern gerettet haben.
Die erste Äußerung der wiederzugelassenen „Freiheit" zur Auslieferungs- Mge gibt genau im Sinne der Regierung die reale Unmöglichkeit der Auslieferung su. Um so unverantwortlicher ist es, wenn rechtsstehende Blätter durch vor- Grenzboten I 193» 13