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Die deutsche Shakespaereübersetzung . 2
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Vie deutsche Shakespeareübersetzung

Wohl hat das neunzehnte Jahrhundert mit seinem historisch-kritischen Be­streben begonnen, vor allem die echte ursprüngliche Gestalt der Shakespearischen Dichtungen zu ergründen, wohl haben sich die Schlegel-Tiecksche Übersetzung und die neuern und neusten Revisionen ehrlich und erfolgreich bemüht, den ausländischen Dichter wort- und sinngetreu in deutschem Gewände neu ersteh« zu lassen aber die Aufgabe ist viel zu groß, als daß sie durch gelegentliche Flickarbeit irgend befriedigend gelöst werden könnte. Die Arbeit muß in der Tat von Grund aus neu gemacht werden, denn sie muß auf viel breiterer Grundlage aufgebaut werden.

Zwei völlig verschiedne Dinge sind von den Übersetzern und Revisoren zu gleicher Zeit unternommen worden, die sehr schwierige, rein philologische Ermittlung des genauen Wortlauts und vielfach verwickelten Sinnes des Originals, und die erst danach mögliche dichterische Umgestaltung dieses Sinnes in deutscher Sprache, und zwar meist dichterischer Sprache.

Wer da glaubt, eine Revision, das heißt also genaue Prüfung des ganzen Shakespearetextes und danach zugleich eine Verbesserung der deutschen Über­setzung, wo eine solche geboten erscheint, innerhalb drei oder vier Jahren und allein fertigbringen zu können, der verrät dabei nur, daß er keine Ahnung von dem Umfang der Größe und Schwierigkeit dieser Aufgabe hat, und das Ergebnis seiner Bemühungen kann danach nur sehr unbefriedigend ausfallen. Gut Ding will Weile! Es sei hier an die vielzitierten Worte Nietzsches über die Bedeutung der Philologie erinnert:Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor allem eins heischt, beiseite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden als eine Goldschmiedekunst und Kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzutun hat und nichts erreicht, wenn sie es nicht lövto erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nötiger als je, gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der »Arbeit«, will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich »fertig werden« will, auch mit jedem alten und neuen Buche: sie selbst wird nicht so leicht fertig, sie lehrt gut lesen; das heißt langsam, tief, rück- und vor­sichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen."

Diese von Nietzsche so treffend gekennzeichnete feine Kunst muß also auch auf Shakespeare mit aller Ruhe und allem Ernste angewandt werden, ehe wir uns rühmen können, ihnfehlerfrei" übersetzen zu können. Eine Unzahl Stellen, besonders wo die Überlieferung rettungslos zerstört ist, wird auch heute nicht und vielleicht niemals ganz befriedigend und zuverlässig verstanden und wiedergegeben werden können, und in der Wissenschaft gibt es überhaupt keinen Abschluß schlechthin, sie ist unendlich, stets weitersuchend, dabei stets auch irrend, aber dennoch auch stets fortschreitend und überzeugende Ergebnisse zutage fördernd. So unvollkommen nnsre Kenntnis von Shakespeares Sprache