Beitrag 
Erinnerungen aus Alt-Jena :
(Fortsetzung.)
Seite
318
Einzelbild herunterladen
 

318

Aonrad Ferdinand Meyers Gedichte.

Gehorsam aufkündigte und in der Religion die Rückkehr in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche predigte. Mehrere seiner erwähnten jugendlichen Anhänger waren in der That nahe daran, den Lockrufen des modernen Ratten­fängers zu folgen, besannen sich indes, mit Ausnahme eines einzigen, glaube ich, der aber nicht zu den hervorragenden zählte, im letzten Augenblicke eines Bessern und thaten den letzten Schritt nicht. (Schluß folgt.)

Konrad Ferdinand Meyers Gedichte.

s wird Wohl selten vorkommen, daß man lyrische Gedichte fast ausschließlich nach ihrem künstlerischen Werte beurteilt. Bei Konrad Ferdinand Meyer muß dieses geschehen. Wir finden bei ihm nicht das schwärmerische Träumen Eichendorffs und der Romantiker, nicht die süßliche Tändelei, wie sie sich bei Heine und dem jungen Deutschland oft zeigt. Es ist die ihrer Ziele sich bewußte Kunst, die in diesen Gedichten hell und schön zu Tage tritt, und der vollendete Geschmack hat oft das Übergewicht über die lyrische Empfindung.

Wir finden in Meyers Gedichten kein geheimnisvolles Helldunkel, sondern überall klaren Sonnenschein, nicht den Zauber unbewußter Empfindung, sondern die Fülle fichtbarer Kraft. Seine Gedichte nehmen nicht ein durch jenes eigen­tümliche Verschwimmen der Formen in der Idee, die sie geboren hat, sondern durch die scharfen plastischen Konturen ihrer Gestalten. Die Plastik, in künst­lerisch abwägendem Geschmack ausgebildet, nur mit den notwendigsten Elementen lyrischer Empfindung versetzt, sie ist es, die diesen Gedichten ihren eigentümlichen Stempel aufdrückt.

Wir würden das umfangreiche Buch, das kürzlich schon in dritter, vermehrter Auflage erschienen ist,*) vielleicht unbefriedigt aus der Hand legen, wenn wir darin reine Lyrik, Liebeslieder, Herzensergüsse u. s. w. suchen wollten. Jedem Leser aber, der ganz unbefangen an diese Gedichte hinantritt, werden sie eine Fülle des Anziehenden bieten.

Meyers Gedichte sind auf den ersten Blick Erzeugnisse, die sämtlich den Stempel seiner dichterischen Natur an sich tragen, die Würde und Erfahrung des gereiften Mannes, die Objektivität und klare Lebensauffassung des Gebildeten.

») Konrad Ferdinand Meyers Gedichte. Leipzig, H. Hässcl, 1887.