Brief über den hildesheimer Fund.
Hannover, den 16. Dec. 1868. Habe ich es Ihnen nicht vorausgesagt, daß man bei uns zu Lande über die Abführung der hildesheimer Silbersachen nach Berlin in Jeremiaden ausbrechen würde? Es wäre auch schließlich stillos gewesen, wenn man sich diesen Anlaß zu neuem Jammern hätte entgehen lassen. Denn unsere berechtigtste Eigenthümlichkeit ist und bleibt nun einmal die Unzufriedenheit, und die souveränste Blindheit unserer Wünsche regiert uns nach wie vor Herz, Willen. Verstand und selbst das Bischen politische Einsicht, was auch uns nicht versagt ist, und die Fügsamkeit gegen den Stärkern als selbstverständlich empfiehlt. Wir haben uns zwar wiederholt sagen lassen, daß der Fund nach dem bestehenden gemeinen Recht, als auf einem Grundstück des Militärfiscus erfolgt, zu gleichen Theilen den Findern und dem Staat gehöre, daß die gute Stadt Hildesheim gar kein Anrecht daran habe und schwerlich im Stande sein würde, eine auch nur entfernt entsprechende Summe aufzubringen, im Fall ein Theil des Deficits damit gedeckt werden sollte. Wir wissen sogar, daß die hochverdienten Vorsteher des dortigen Museums ihre Freude geäußert haben, der großen Verantwortlichkeit überhoben zu sein, die ihnen die Ueberwachung und Con- sttvirung des seltenen Schatzes auferlegte. Wir können uns auch nicht ganz der Wahrnehmung entschlagen, daß solche Alterthümer besser als in Pro- vincialsammlungen in großen öffentlichen Museen ausgehoben sind, wo sie am öftesten gesehen und unter gleichartigen Monumenten am besten studirt werden können. Wir täuschen uns vollends darüber gar nicht, daß in dem goldenen Zeitalter des verflossenen Regiments, in welchem Hildesheim als schlechtgesinnte Stadt in allerhöchster Ungnade stand, Alles den natürlichen Weg nach Hannover zu den gelben Hosen gefunden hätte. Aber all' diese Erwägungen hindern uns doch schließlich nicht, unsere politische Einfalt auch in dieser Frage zu erweisen. Oder wozu hat uns denn ein nam- hafter Gelehrter aus Göttingen, welcher sich gewiß nicht ohne Grund „einen Hannoveraner an Leib und Seele" nennt, in gelehrten Zeitungsartikeln
Grenzboten IV. 1868. 61