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Herr v. Mühler an den orthodoxen Ultras (Wantrup und Bieck) und den katholischen Ultramontanm die einzigen Freunde habe, sondern kehrte auf das Gebiet der „berechtigten Denkfreiheit" (dessen Betreten, wie mir schien, Herr Laßwitz mindestens für 24 Stunden unrathsam gemacht hatte) zurück, und zwar ohne die Grenzen desselben zu bezeichnen, welche der Schule unter den gegebenen Verhältnissen einmal gesteckt sind und welche die übrigen Oppositionsredner (Herrn Laßwitz natürlich ausgenommen) anerkannt hatten.
Zum Schluß erhob sich Herr v. Windthorst-Meppen, um mit wahrhaft vernichtendem Spott zu constatiren, daß die Resultate der endlos langen Debatte gleich Null seien. So vollständig stand die Versammlung unter dem Eindruck, daß die Abendsitzung das Werk der Penelope gethan und alle Arbeit der beiden früheren Versammlungen wieder aufgetrennt habe, daß Niemand gegen das absprechende Urtheil, welches Windthorst mit dem ihm eigenthümlichen Aplomb und der Sicherheit des überlegenen Debatters sprach, zu Protestiren in der Laune war.
Um den vollen Becher peinlicher Eindrücke überfließen zu machen, folgte noch eine Reihe persönlicher Bemerkungen, an denen Herr Wantrup den Haupt- antheil hatte. Nur der Energie des Präsidenten war es zu danken, daß die neue Harlekinade, zu welcher der berühmte Schulrath sich anschickte, nicht zu voller Entfaltung kam. Dann trennte man sich. — Mangel an Disciplin und überquellendes Redebedürfniß hatten die Volksvertretung um einen wichtigen Erfolg, um eine Gelegenheit zur Bethätigung ihres Einflusses gebracht, wie sie nicht so. leicht wiederkehrt. „Sie ist die erste nicht" — und doch scheint man noch immer nicht glauben zu wollen, daß ohne Fractions-Disciplin Parlamentarische Erfolge nirgend möglich sind, auch nicht unter günstigeren Verhältnissen, als den unsrigen. Daß diese Disciplin auch nicht für den Ausnahmesall eines Zusammengehens zwischen Nationalliberalen und Demokraten hergestellt werden konnte, beweist, wie es überhaupt um sie bestellt ist; alliiren Gegner sich, so pflegt sonst jeder derselben seine Armee als möglichst gut geschulten Organismus zu zeigen, dieses Mal schien man es auf den entgegengesetzten Eindruck abgesehen zu haben!
Vermischte Literatur.
Hildebrandt's Aquarellen, auf seiner Reise um die Erde nach der Natur aufgenommen in Egvpten, Indien, China, Japan, Manilla, Amerika ?c. Chrvmo- Facsimiles von R. Steinbock. Berlin, Verl. v. R. Wagner.
Bon diesem mit Spannung erwarteten Werke liegt jetzt die erste Lieferung vor, welche landschaftliche Darstellungen aus Cairo, der vorder- und hinterindischen und chinesischen Küste bietet. Die Blätter reproduciren die coloristische Virtuosität jüngst verstorbenen Malers mit überraschender Wirkung und geben sicherlich den ^esammteindruck der fremdartigen Natur aufs Vollendetste wieder; aber der Farben- Effect überwiegt durchweg die Form in einer Weise, welche um so mehr auffallen nmß, weil gerade die südliche Sonne alle Erscheinungen schärfer ausprägt. Besonders bei den an sich sehr gut behandelten Städteansichten und Interieurs ist dies bemerkenswert!). Auffassung und Behandlung selbst sind nichtsdestoweniger manirirt.
Was die Technik anlangt, so wird die Chromolithographie der Breite und Lästigkeit des Pinsels in staunenswerthem Grade gerecht und wir erhalten hier einen yeuen Beweis von der Ausgiebigkeit und Bravour dieser Vervielfältigungskunst. —