Angedruckte Griefe von Goethe und Schiller.
Ein Gutachten Goethe's.")
Ew. Hochwohlgeboren
Zutrauliches, für mich so ehrenvolles Schreiben hat mir die angenehme Empfindung gegeben, daß meine Versäumniß, Hochdenenselben vorigen Herbst nicht aufgewartet zu haben, hierdurch zum Theil wenigstens ausgeglichen wird. So wie denn auch des Herrn Staats-Minister von Stein, Excellenz, durch Empfehlung meiner vorhabenden Arbeit, zu so vielem Guten, das ich diesem trefflichen Manne schuldig geworden, noch ein neues und so vorzügliches hinzuthut.
Da die Sache von großer Wichtigkeit ist, und eine Erklärung über dieselbe viele Schwierigkeiten hat; so sei es erlaubt mich aphoristisch auszudrücken, vorher aber die Entstehung jener Druckschrift, deren Ausgabe leider verspätet worden, mit wenigem anzugeben.**)
Bei meinem zweimaligen^ Aufenthalt am Main und Rhein, in beiden vergangenen Sommern, war mir angelegen, nachdem ich meine vaterländische Gegend so lange nicht gesehen, zu erfahren, was nach so vielem Mißgeschick sich daselbst, bezüglich auf Kunst, Alterthum und Wissenschaft befinde? wie man es zu erhalten, zu vermehren, zu ordnen, zu beleben und zu benutzen gedenke?
Ich besah die Gegenstände, vernahm die Wünsche, die Hoffnungen, die Vorsätze der Einzelnen, so wie ganzer Gesellschaften, und da ich meine Gedanken dagegen eröffnete, forderte man mich auf, das Besprochene nieder zu schreiben, um vielleicht eine öffentliche Uebersicht des Ganzen zu geben und zu Privatunterhandlungen gleichsam einen Text zu liefern. Da ich aber auf
*) Das Schreiben ist an Geh. Rath Sack im Köln gerichtet, der bei der vielfach ven» tilirten Frage über die Einrichtung der Universität und Kunstanstalten in der Rheinprovinz, namentlich, ob alles in Köln zu centralisiren oder einzelne Anstalten in verschiedene Städte zu verlegen seien, auch Goethe um eine Meinungsäußerung anging.
') Ueber Kunst und Alterthum in den Rhein- und Maingegenden I. (1816).
Grenzboten IV. 1368. 56