149
reichen Tizian bewundern gelernt hat, sich in dem naiven Wesen der altniederländischen Malerschule, in den Ecken und Winkeln der altdeutschen Bildhauer zurecht zu finden, unwillkürlich wird er zu einer unbilligen Beurtheilung der letzteren verleitet und zu dem Glauben an eine untergeordnete Künstlerkraft im Norden gebracht. Wäre es nicht empfehlenswerther, die nordische Kunst des 15. Jahrhunderts unmittelbar an die Schilderung der mittelalterlichen Kunstweise anzuschließen, mit welcher ja namentlich die spätere Bildhauerei mannigfache Verwandtschaft befitzt, zumal das Eindringen der italienischen Renaissance in den Norden doch wesentlich in die Zeiten nach Dürer und Holbein fällt, während der Einfluß der Niederländer auf die italienischen Maler des 16. Jahrhunderts unbestreitbar ist?
Die zahlreichen Illustrationen, mit welchen Lübke's Buch ausgestattet ist, sind von ungleichem Werthe. Großes Lob verdienen die architektonischen Skizzen und die für das Werk neu geschnittenen Abbildungen; dagegen begegnen wir auch anderen, älteren Werken des gleichen Verlages entnommenen Holzschnitten, von welchen man kaum sagen kann, daß sie dem Buche zur Zierde gereichen. Wir sind überzeugt, daß wenigstens zwei Illustrationen in die nächste Auflage nicht mehr hinübergenommen werden: Dürer's Ritter, Tod und Teufel, eine doch gar zu dürstige Übertragung des berühmten Kupferstiches und Rembrandt's geraubter Ganymed, welcher doch wahrlich nicht geeignet ist, in die Kunstweise des Meisters einzuführen und ohne Mühe durch die Nachbildung irgend eines anderen Rembrandt'schen Gemäldes ersetzt werden kann.
Der Suez-Canal.
Die Arbeiten am Suez-Canals sind derart vorgeschritten, daß als Zeitpunkt der Beendigung derselben der erste October 1869 festgestellt worden ist.
Dieser Tag wird zu den denkwürdigsten des 19. Jahrhunderts der Geschichte überhaupt gehören und eine neue Aera für den Verkehr eröffnen. — Eine Actiengesellschaft stellte die ersten Fonds ihrem Director Lesseps zur Verfügung, nachdem eine internationale Commission, bestehend aus Ingenieuren von England, Oestreich, Frankreich, Spanien, Holland und Preußen, festgestellt hatte, daß kein Niveauunterschied zwischen den beiden getrennten Meeren vorhanden sei. Die auszuführenden Arbeiten waren auf 200 Millionen Francs veranschlagt worden, welche Summe aufgebracht wurde.