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Schleiermacher und Strauß.
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Schleiermacher und Strauß.

Fr. Schleiermacher, das Leben Jesu, Vorlesungen aus dem handschriftlichen Nachlaß und Nachschriften seiner Zuhörer herausgegeben von K. A. Nütenik. Berlin. Reimer 1864.

^r. Fr. Strauß, der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichte. Eine Kritik' des schlciermachcrschcn Lebens Jesu. Berlin, Duncker. 1863.

Der menschliche Witz hat sich zuweilen damit beschäftigt, eine pikante Situation auszumalen: ein Todter, ein großer Mann der Vergangenheit, kehrt nach Verfluß geraumer Zeit aus diese Erde wieder; alles hat sich in­dischen verändert, Sitte, Tracht, Bauart der Häuser treten ihm fremd ent­Segen, eine Reihe neuer Erfindungen hat sich inzwischen heimisch gemacht, die Bedürfnisse, die Lebensanschauungen sind anders geworden. Mit Staunen steht sich der Bürger eines anderen Zeitalters in der fremdgewordenen Welt um, und mit Verwunderung steht das lebende Geschlecht den Vertreter der Ver­gangenheit in seiner Mitte und vermißt an ihm den Fortschritt der Zeit.

Aehnlich ist der Eindruck gewesen, als im vorigen Jahre Schleiermachers Vorlesungen über das Leben Jesu aus der Verborgenheit, in welcher sie geruht, üblich ans Tageslicht gezogen wurden. Der wiedererstandene große Gelehrte fand sich verwundert in einer neuen Welt, und verwundert sah das jetzige Geschlecht den Träger des verehrten Namens plötzlich wieder in seiner Mitte "scheinen.

Noch sind kaum dreißig Jahre seit Schleiermachers Tod verflossen, und dennoch, dies war der erste Eindruck. Eine kurze Spanne Zeit, aber erfüllt Von den Veränderungen eines ganzen Zeitalters! Der tiefgreifenden Bewegung, welche sich an Strauß' Leben Jesu knüpft und seitdem die theologische Wissen- ^aft umgestaltet hat. konnten wir uns in keinem Moment deutlicher bewußt werden, als da wir das längst erwartete Werk in Händen hatten. Wir begriffen ^tzt, warum es von den Freunden so lange zurückgehalten worden war. weniger. N'arum eben jetzt die Scheu vor der Veröffentlichung überwunden wurde. Denn Kenn auch jedes Werk von Schleiermacher den unverwischbaren Stempel seines Geistes trägt, und dem Fremdling ein achtungsvoller Empfang auf jeden Fall Grenjboten I. 186S. 66