77
Deutschlands rechnen. In dem Besitz Italiens — das fühlt man auch in Wien sehr gut — kann Preußen Oestreich nicht unterstützen. Wohl aber kann und wird es die Ausbreitung Oestreichs nach Osten hin begünstigen. Daß aber die Sicherheit Oestreichs von dem guten Einvernehmen mit Preußen abhängig geworden, ist eine Thatsache, deren Erkenntniß wenigstens bei einem Theil der östreichischen Staatsmänner allmälig. wenn auch langsam, Eingang zu finden scheint. Ob Oestreich den Ausbruch der italienischen Krise noch auf eine Reihe von Jahren hin wird verschieben können, das ist freilich nicht allein von der Weisheit seiner Staatsmänner, sondern auch von der Gunst des Glückes abhängig. Aber mag die östreichische Politik welche Richtung sie wolle einschlagen, sie wird sich dem Glücke anzuvertrauen haben. Der Unterschied ist nur der: Beharrt Oestreich auf seinen alten Traditionen, so wird es auch die glücklichste Wendung der Dinge fruchtlos und unbenutzt vorübergehen lassen müssen; schlägt es dagegen unbeirrt die Wege ein. welche die Natur der Dinge ihm vorschreibt, so wird es im Stande sein, den günstigen Moment zu ergreifen, ihn festzuhalten und dadurch die Fähigkeit zum Handeln wieder zu gewinnen, die ihm versagt bleibt, so lange es die neuen Formen nur als Hülle und Schmuck für die alten abgelebten Tendenzen ansieht. Z.
Annexion oder Anschluß der Herzogthiimer.
Die undeutliche Politik Preußens in Sachen der Hcrzogtbümer hat einen Wirrwarr von Vermuthungen, einen Sturm von Anschuldigungen hervorgerufen, sie hat, was uns wichtiger ist, auch in der liberalen Partei lebhafte Erörterungen veranlaßt. Ein großer Theil der liberalen Preußen ist für Annexion, ein Theil der liberalen Süddeutschen ruft seine heimischen Regierungen auf zum Schutz gegen die Annexionswünsche der preußischen Regierung. Nirgend fehlt es an aufrichtigen Liberalen, welche sich gradezu als Annexionisten aussprechen und nicht wenige unserer tüchtigsten Männer gehören in diese Zahl, darneben solche, welche zur Zeit keine lebhafte Betheiligung an unserer Tagespolitik bewährt haben, stille Friedliebende, welche jetzt durch die Ohnmacht der kleineren Staaten und durch die Zerrissenheit Deutschlands bitterlich gekränkt sind. Es lohnt einmal, das Für und Wider solcher Erörterungen kurz zusammenzustellen, wie es sich innerhalb der liberalen Partei, zumal außerhalb Preußens ausdrückt.
Zuerst sprechen die entschiedenen Annexionsmänner, zu denen vor andern liberale Preußen gehören, aber auch einzelne Stimmführcr in den Herzog- thümern selbst, nicht wenige im übrigen Deutschland bis südlich vom Main: