23
zur Raison zu bringen, ehe man ihm das Genick bricht, als irgend einem nowo novus im Offizierrock, dessen Familie keinerlei militärische Traditionen hat, ist so sehr menschlich, daß wir es sogar für selbstverständlich halten. Es kommt eben auf das Maß an, auf das „zuviel," das hier, wie es scheint, eine beklagenswerte Rolle gespielt hat. Deshalb allgemein einen besondern Nepotismus im Offizierkorps oder auch nur die übermäßige Bevorzugung des Adels als wieder einmal erwiesen hinzustellen, ist einfach Unsinn. Wenu man mit eiuer gewissen Vorliebe die Söhne der Familien mit militärischen Traditionen als Offizieraspiranten annimmt — und das werden, wie die Sachen bei uns auch heute noch liegen, vorwiegend adliche sein —, so ist das nichts andres, als was in fast allen Beamtenkarrieren geschieht, nnd eben auch wieder selbstverständlich. Uns ist es jedenfalls viel lieber, als wenn der Geldsack den Ausschlag giebt. Die Familientradition gewährt doch unstreitig eine gewisse Garantie, so lange die Person selbst sich nicht zu bewähren Zeit gefunden hat, wie das z. B. auch in den bessern kaufmännischen Kreisen ziemlich allgemein anerkannt wird. Es mnß vor allem danach gefragt werden, erstens ob der tüchtige bürgerliche Offizier durch Bevorzugung adlicher Kameraden von den Vorgesetzten im Dienst und in seinem Fortkommen benachteiligt wird, und zweitens ob er uuter dem Adelsdünkel der Kameraden zu leiden hat. Beides mußte vor dreißig Jahren auf das entschiedenste bestritten werden, und es liegt auch kein Anzeichen vor, daß es jetzt wesentlich anders geworden wäre. Im allgemeinen wird denn doch sowohl der Vorgesetzte, der einen Offizier dienstlich nur deshalb bevorzugt, weil er adlich ist, wie auch der adliche Kamerad, der auf den andern nnr deshalb herabsieht, weil er bürgerlich ist, von den Kameraden überhaupt, den adlichen wie den bürgerlichen, für einen Narren gehalten und entsprechend behandelt. In keiner preußischen Zivilkarriere geschieht auch nnr annähernd ein so vollkommner kameradschaftlicher Ausgleich zwischen Adel und Bürgertum wie im preußischen Offizierkorps. Es gereicht das dem Bilduugs- stand, dem Charakter und der Intelligenz des preußischen Adels in der Armee zur allergrößten Ehre. Die bürgerlichen Offiziere — auch die Herren von der Reserve und der Landwehr, die das auch wisseu müssen, nicht ausgenommen — sollten es den tendenziösen Borwürfen gegenüber, die dem Offizierkorps immer wieder gemacht werden, für ihre Pflicht halten, für diesen vortrefflichen Geist unsrer adlichen Offiziere Zeugnis abznlegen, wo sie können. Daß in einzelnen Offizierkreisen ausnahmsweise Adelsvorurteile und Adelsnarrheiten herrschen und gepflegt werdeu, ändert an der Regel nichts, ebensowenig wie der Adelsdünkel im Zivilrock das Lob, das das Offizierkorps verdient, beeinträchtigen kann. Am allerwenigsten kann übrigens davon geredet werden, daß es gerade die adlichen Offiziere an humanem, rücksichtsvollem Verhalten gegen die Unteroffiziere und Mannschaften irgendwie fehlen ließeil. Was aber insbesondre den Vorwurf eines schädlichen Nepotismus betrifft, so ist er in der preußischen höhern Verwaltnngskarriere — vom gesamten Snbalterndienst vollends ganz zu schweigen — entschieden stärker vorhanden und kann bei dem bestehenden