Visher ungedruckte Briefe
WW MW
! ls ein Knriosnin, das fast unglaubliche aber wahr ist, wurde es vor etNia dreißig Iahren hingestellt, daß eiu Uuiversitätsprofessor der klassischen Philologie in seinen Vorlesungen die Zeit von Ostern bis Pfingsten mit der wissenschaftlichen Erörterung über die Frage ! hingebracht habe, ob der Vater des griechischen Geschichtschreibers Thneydides Oloros oder Orolos geheißen habe, und fast denselben Eindruck machte die ziemlich umfangreiche Schrift seines Kollegen, der das hochwichtige Geheimnis aufklären wollte, ob der Name des berühmten römischen Komvdieu- dichters Titns Maceius Plautns oder Marcus Accius Plautns gewesen sei. Beide weltbewegende Fmgeu sind bis zum heutigen Tage noch nicht endgiltig gelöst und werden vielleicht noch manchem Studenten Stoss zu einer Doktordissertation bieten; aber so seltsam, ja vielleicht lächerlich die eingehende Behandlung solcher Themata scheinen mag, wer diese Vorlesung gehört und diese Schrift gelesen hat, der wird offen zugebe», daß die in beiden angestellte Methode wissenschaftlicher Untersnchnng äußerst geistvoll, belehrend und anregend ist für die wissenschaftliche Forschnng überhanpt, nnd daß, abgesehen von dem absolnt unwichtigen Ergebnis, der Hörende und der Lesende für sein Fach viel lernen kann. Derselbe Scharfsinn und dieselbe wissenschaftliche Methode ließe sich bei der Ergrnudung der Fragen anwenden, ob Alexanders des Großen Schlachtroß Bueephalns ein Schimmel oder ein Fuchs, ob das Damoklesschwert gerade oder krumm, ob HannibalS erblindetes Ange das rechte oder das linke gewesen sei u, a. Das Ergebnis aller bisher genannte» Forschungen ist seinem Werte nach gleich Null, die Forschung selbst vielleicht sehr wertvoll nnd belehrend, wie man wissenschaftlich arbeiten soll, aber es mnß doch als unbedingte Forderung hingestellt werden, daß das Ziel nnd der Erfolg einer noch so geistvolle» und lehrreichen Untersnchnng mich irgend einen, wen» auch uoch so geringe» Gewinn für die Wissenschaft nnd ein Interesse für die Lesende» und Lernenden darbiete.
„Verknöcherte Philologen" hat man oftmals die oben bezeichnete» Forscher genannt und ihrer mit Spott oder Mitleid gedacht, aber eben dieselbe» Spötter habe» in nenerer Zeit die vo» ih»en verurteilte» Bahne» der wissenschaftlichen Untersnchuttg selbst betreten. Da hören nur, sollen es mit Bewnndrung hören und für einen ganz außerordentlichen Gewinn halten, daß es den »»ausgesetzte» Bemühnngen der Goetheforscher gelungen ist, zu erfahren, wer die Mitreisenden Goethes ans seiner Stellwagensahrt von Leipzig nach Frankfurt gewesen sind;