Goethes Lieder in den Kompositionen seiner Zeitgenossen
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enn wir eine Schmncumsche Symphonie hören oder spielen, so beschleicht uns wohl mitten in der Freude und dem Genuß eiue wehmütige Vorstellung: wie schade, daß das Beethoven nicht hat hören können! Was würde er dazu gesagt haben? Würde es ihm gefallen haben? Gefallen! New, würde er nicht entzückt davon gewesen sein, so entzückt wie wir heute? Würde er nicht bereitwillig zugestanden haben, daß hier bei aller Abhängigkeit von ihm — namentlich in dem äußern Aufbau des Ganzen wie der einzelnen Teile — doch auch in manchen Beziehungen ein Schritt über ihn hinaus gethan sei: in der Innigkeit und Süße der Melodik, in dem Reichtum der Modulationen und der Rhythmen, in der Farbenmischung und Farbenpracht der Instrumentation? Oder würde er unmutig die Brauen verzogen und über Sinnlichkeit, Unnatur, Übertreibung gewettert haben?
Ähnliche Gedanken kommen uns, weun wir einen Liedertext aus dem achtzehnten Jahrhundert, etwa ein Goethisches Lied aus der Zeit von 1770 bis 1780 in einer Komposition aus den zwanziger oder dreißiger Jahren unsers Jahrhunderts hören und damit die eine oder andre von den Kompositionen vergleichen, in denen es Goethe selbst uud seine Zeitgenossen gehört haben. Was würde Goethe gesagt haben, was würden seine beiden Leibkvmpvnisten Neichcirdt und Zelter gesagt haben, wenn sie eines Tags den Fischer (Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll), in der Komposition von Moritz Haupt- mann Hütten hören uud mit ihreu eignen Kompositionen vergleichen köuuen? Würden sie völlig neidlose Freude empfunden haben, wenn sie nach ihren armseligen, leierigen Strophenliedchen mit ihren leeren Melodien, ihren paar Ausweichungen und ihrer dünnen, klapprigen Begleitung diese breit ausgeführte dramatische Schilderung, diese seelenvvlle, freie und doch aufs inuigste den Worten sich anschmiegende Melodie, diese voll und reich dahinflutende Klavierbegleitung mit der zugehörigen Violinstimme, die so wonnig das „seuchte Weib" und seine schmeichelnde Lockung malt, hätten hören können, oder würden sie geklagt haben wie der' alte Goethe einmal nach dem Anhören eines neuen