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Litteratur
Geschichte das moderne Volk nicht vergißt, der sich nicht durch kleine Unbequemlichkeiten die Lcmue verderben läßt und andrerseits cnlch nicht in tönender Begeisterung die Leier rührt. Schlicht und klar erzählt er, wie er am italienischen Leben einige Wochen laug Anteil genommen, welche Anschauungen er gewouueu, welche Erfahrungen er gesammelt hat, „wie man in Italien reist," über „Volkscharakter und Volksleben," über „die römische Kirche und deu römischen Nationalstaat," über „Volkswirtschaftliches uud Soziales," über „italienische Landschaften" und schließlich über „die Städte als historische Denkmäler"; seine Schilderungen sind mit wenigen Strichen doch bestimmt und fest entworfen, seine Landschaftsbilder charakteristisch und farbenreich, seine Erörterungen knrz uud klar uud treffend, er giebt uicht nur gute Ratschläge, sondern, was viel besser ist, er setzt seine Leser iu deu Stand, sich selber zu beraten.
Alle Freuude Italiens, mögen sie das schöne Land mit eignen Augen oder bisher nur im Geiste gesehen hnbeu, werdeu das liebenswürdige Buch mit Nutzen und Vergnügen lesen.
Der Anekdotenschatz Bacon-Shakespeares von Edwin Bormann, tzeuer-ernsthafte Selbstbekenntnisse des Dichtergelehrten. Leipzig, Selbstverlag des Verfassers
In seinem „Shakespearegeheimnis" hat Bormnnn geglaubt nachweisen zn können, daß die Werke, die man bisher Shakespeare zugeschrieben hat, von Bacon verfaßt seien. Durch die vorliegende Schrift soll gezeigt werden, daß einzelne Züge in Shakespeares Dramen auf Baeons „Anekdotenschatz" zurückgehen, und so die Autorschaft des Kanzlers für Shakespeares Drameu aufs ueue erhärtet werdeu. Das vorjährige Werk wurde iu den meisten Tagesblättern sehr günstig besprochen, ernstere Zeitschriften allerdings äußerten sich meist absprechend darüber und brachten Einwände genug gegen Bormanns Ansichten vor. Es scheint denn auch, daß der Verfasser gefühlt hat, er sollte eigentlich etwas darauf antworten. Und so erklärt er denn im „Anekdvtenschntz," er habe sich davon überzeugt, daß die Herren, die ihn ungünstig beurteilt haben, „auch nicht einmal notdürftig Baeon gelesen hätten"; dies überhebe ihn der Mühe, ihnen zu antworten. Wir wollen hier seinem Beispiel folgen, sein „Shakespearegeheimnis" ruhen lassen und uus dem „Auekdotenschatz" zuwendeu.
Baeons ^xoxbtöKws erschienen Ende 1624 mit der Jahreszahl 162S, also zu einer Zeit, wo Shakespeare schon fast neun Jahre tot war, wo die erste Gesamtausgabe seiner Werke schon über ein Jahr erschieueu war, wo Bacon als Staatsmann abgewirtschaftet nnd sich als dreiundsechzigjähriger Mann von der Welt zurückgezogen hatte. Außerdem erklärt Bacon auf dem Titel des Werks und »niederholt es in der Vorrede, daß er die Anekdoten, alte und neue, gesammelt, aber durchaus nicht alle Verfaßt habe (^xopbtog'ms, ns>v anä olcl. vollvcwä I^remc-is I^orci Vsrnlam). Wenn sich also im „Anekdotenschatze" Anklänge an Shakespeare fänden, so würde, wie jeder vorurteilsfreie Beurteiler zugeben wird, nicht im gcriugsteu daraus folgen, daß Shakespeare diese von Baeon haben müsse, sondern beide können aus derselben Quelle geschöpft haben, oder seine Lordschaft kann sie aus Shakespeare entnommen haben.
Betrachten wir gleich die erste Anekdote, die in die Klasse des Hofklatschs gehört. Hier will Bormann beweisen, daß sich dieselben Gedanken wie bei Bacon in Shakespeares Heinrich IV., Richard III. und besonders im zweiten Teil von Heinrich VI. fänden. In der Anekdote selbst heißt es, sie habe sich zugetragen,