Beitrag 
Der geistige Gehalt in der Malerei
Seite
133
Einzelbild herunterladen
 

Der geistige Gehalt in der Malerei

ach den Behauptungen der modernen Schule ragt der schaffende Künstler über den Bereich der theoretischen Kunstkritik schlechthin hinaus. Der Künstler geht führend voran, er stellt schöpferisch das Neue vor uns hin; kann ihn auch das Publikum nicht ver­stehen, paßt auch, was er geschaffen hat, den Kritikern nicht in die Schablone ihrer Ästhetik, ihm müssen sie doch folgen; sie selbst müssen erst lernend zu seinen Füßen sitzen, sie müssen erst sehen lernen, was sein Künstler­augegeschaut" (da die Sache von München ausgeht, wird nurgeschant") hat, einst werden sie sein Werk schon beurteilen können. Das sind so etwa die Redensarten, die man aus dieser Richtung hört, und wodurch uicht mir daslaienhaft urteilende" Publikum, sondern auch der schulgerechte Ästhetiker abgethan werden soll.

Natürlich: er weiß ja nichts von der großen Wahrheit, daßder Künstler sührend vorangeht," daß erkeine Rezepte der gelehrten Doktoren" braucht, daß seine Werke frei aus feiner künstlerischen Kraft und Anschauung geboren werden und auf diesem geheimnisvollen Schaffen und Sichwandeln des Genius der Fortschritt in der Kunst beruht. Soviel primitive Erkenntnis ist dem ab­strakten Denker nicht zuzutrauen.

Oder solltest du, o werter Stürmer und Dränger, dir vielleicht doch in der Tiefe deines ehrlichen Busens gestehen, daß diese Sütze zu bestreiken auch andern Leuten nicht einfällt, daß andre Leute nur, unbeschadet dieser Binsen­wahrheiten, den weitern Schritt nicht mitmachen wollen, daß das ästhetische Urteil vor irgend einem Kunstwerk ehrerbietig zurückweichen und sich für in­kompetent erklären solle?

Wie kann man denn überhaupt einen so seltsamen Anspruch erheben? Weil, sagt man, die Anschauung, das Verständnis erst geübt sein müsse, nm zur Würdigung eines Kunstwerks befähigt zu sein. Eine schöne pädagogische Regel in der That. Aber freilich eine, die zn allen Zeiten und bei jedem Kunstwerk zu beherzigen ist und keinen Grund enthält, warum einige Kunstwerke der Gegenwart über die Kompetenz des ästhetischen Urteils erhaben sein sollen. Man kann sich damit pädagogisch um solche verdient machen, die eine elemen­tare Bedingung der Kunstkritik nicht erfüllen; aber ist es nicht anmaßend,