Am Leuchtfeuer
von (Lhcirlotte Niese^)
m Norden unsrer Insel lag dns Leuchtfeuer, oder wie die Insulaner sagten, der Feuerturm. Es war auch wirklich ein dickes, turmartiges Gebäude, das sich auf der sandigen Düne erhob, und man konnte es über die ganze Insel sehen. Wir bildeten uns manchmal ein, es sei ein alter Ball aus fernen Jahrhunderten. Aber das war durchaus nicht der Fall; es gab noch alte Leute genug auf der Insel, die sich sehr gut der Zeit erinnern konnten, wo es noch gar kein Leuchtfeuer gab, und der Straud in stürmischen Zeiten mit Schiffstrüm- mcrn und Gütern besät war. Ich will nuu gerade nicht behaupten, daß auch auf unsrer Insel wie auf den Juselu der Westsee von den Kanzeln für einen gesegneten Strand gebetet worden sei; daß aber ehemals bei schlechtem Wetter allerlei Menschliches oder vielmehr Unmenschliches geschehen ist, das kann man ruhig annehmen.
Unser Strand war sehr gefährlich und ist es auch heute uoch. Überall bis weit in die See hinaus liegen große Felsblvcke, von denen kein Mensch ^eiß, wie sie dorthin gekommen sind. Sie erzählen es auch niemand, sie liegen ganz still und lassen die Wellen über sich dahinspritzen. Wenn sie aber reden konnten, würden sie mancherlei erzählen, nicht allein von den frechen Seehunden, die seit Jahrhunderten auf ihnen von den Strapazen des Fischraubes ausruhen, sondern auch von den Steiurüubern, die in dunkeln Nächten an ihnen graben und reißen. Es giebt allerhand Gewerbe an der See; auch das des Steiufischers ist ganz einträglich. Die großen Granitblvcke der Insel haben schon manches begehrliche Herz gereizt, uud viele von ihnen sind verschwunden trotz des Wehgeschreis des Strandbesitzers und einer hohen Obrigkeit. Es giebt aber doch noch manche Felsblöcke, die sich nicht so ohne weiteres rauben lassen, und die heute noch eben so trotzig ihr dunkles Haupt aus dem Wasser erheben, wie vor so und so viel hundert Jahren.
Nahe beim Leuchtfeuer war eine sehr gefährliche Stelle für die Schiffe.
') Aus einer neuen Skizzensammlnng der Verfasserin, die in einigen Wochen im Verlage dieser Blätter erscheinen wird, und auf die wir schon im voraus hiermit die Aufmerksamkeit der Leser lenken möchten.