(Lchte Veunruhigungsbacillen
s ist eine Freude zu leben! — so rief Ulrich von Hütten beim Anbruch der Reformationszeit aus. Ob er es wohl jetzt thun würde? Vor zwanzig oder auch noch vor zehn Jahren vielleicht, aber heute? Vielleicht verspürte auch er heute etwas von dem schleichenden Beunruhigungsbaeillus, wahrscheinlich aber nicht von dem, den der Reichskanzler jüngst mit diesem Ausdrucke treffen wollte und der in so vielen liberalen Köpfen umgeht. Denn von einer Gefahrdung unsrer verfassungsmäßigen Einrichtungen durch Neigung zu monarchischer Unumschränktheit ist ja ernsthaft gar keine Rede. Der Ausdruck hohen monarchischen Selbstgefühls, dem ein ebenso starkes monarchisches Pflichtgefühl gegenübersteht, enthält noch lange leine Kriegserklärung gegen den konstitntio- nellen Staat. Freilich mit einer parlamentarischen Regierungsweise würde es sich nicht vertragen, aber eine solche haben wir ja weder im deutscheu Reiche, noch in den Einzelstaaten, und wir müssen Gott auf den Knieen dafür danken, daß wir mit dieser englisch-französischen Erfindung bis jetzt verschont geblieben sind, denn bei unserm Volkscharakter und unsern gründlich zerfahrenen Parteiverhältnissen wäre das der Anfang vom Ende. Auch der Lärm über die Bedrohung der Gewissensfreiheit durch den preußischen Volksschulgesetzentwurf ist wieder verstummt, seitdem es die Regierung vorgezogen hat, ihn vor der Opposition der „gesamten deutschen Intelligenz" zurückzuziehen, um nicht den Grund oder Vorwand zu einem neuen „Kulturkampfe" zu liefern. Aber ob Huttens vaterlandsliebender, scharfblickender Geist jetzt nicht einige ganz andre, viel ernster zu nehmende, viel unheimlichere „Beunruhigungsbacillen" im Körper unsers Volkes entdecken würde? Es war auch zu seiner Zeit vieles faul im Staate Dänemark, und dem jähen Zusammenbruche der alten Kirche in Deutschland folgte die schreckliche Katastrophe des Bauernkrieges. Gewiß Greuzboten II 1892 31