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Reisebriefe aus Italien vom Jahre 1882 : aus dem Nachlasse :
(Schluß.)
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Reisebriefe aus Italien vom Jahre

Aus dem Nachlasse von W. Roß mann.

(Schluß.)

Bologna, 27. November. iMdsi'Zo ä'Iialia.) ni Mittag kamen wir in Bologna an. Nach kurzer Erfrischung suchten wir gleich die Akademie der schönen Künste mit der Gemäldegalerie auf, in der sowohl die alte Bvlognesische Schnle (Simone da Bol­ogna) und Franceseo Naibvlini genannt Franeia, wie die neue der Eklektiker, der Carracci, Domenichinv, Guido Nein gut verteten ist. Frnncia ist durch die uinbrische Schule beeinflußt und hat seinem Freunde Raffael viel zu danken. Er ist überhaupt nicht sehr selbständig, daher er denu auch schwer zu charakterisiren ist. Vortrefflich ist ein Bild, welches die Adoration des Christkindes durch Hieronymus und andre Heilige darstellt. Von den Carraccis, Guercino, Guido Nein u. s. w. sind die größten uud schönsten Werke hier und sie weisen alle viel Schönes im einzelnen auf; aber sie lassen doch fast alle sehr gleichgiltig und keines will sich recht dem Gedächtnisse einprägen. Diese Künstler schöpften weder den Inhalt aus sich, noch die Form aus der Natur, sondern entlehnten den erstern der Mode, dem allgemeinen Bewußtsein, der Tradition, ohne eigne kräftige Empfindung, die letztere den Meistern der Blütezeit, deren verschie­dene Vorzüge sie mit einander zu verschmelzen gedachten. Darüber ist der Reiz der subjektiven Ausfassung sowohl wie der fein individnalisirten Ncitnr verloren gegangen. Die nämlichen Köpfe, die nämlichen allgemeinen Gefühle, die nämlichen Stellungen kehren immer wieder. Alles ist im allgemeinen stecken geblieben.

Die Perle der Sammlung ist Raffnels heilige Cäcilia, wie sie den Engel­chören entzückt lauscht uud darüber ihr eignes Instrument sinken läßt. Paulus, Magdalene neben ihr. Aber ach! wie hat das herrliche Bild gelitten. Nicht nur, daß es abscheulich übermalt und dadurch um die Geistigkeit der Farbe gebracht ist, sondern man läßt es auch so austrocknen, daß viele Partien grau und stumpf aus­sehen. Es ist überhaupt ein Jammer, wie wenig in Italien auf die Kouservirung der Bilder gegeben wird.

Wir besuchten noch die größte Kirche der Stadt, San Petronio, das größte gothische Bauwerk Italiens, obschon nur das Langhaus steht und Querschiff wie Chor weggelassen sind. Die Kirche ist fünfschiffig, doch sind die beiden Außenschiffe iu Kapellen zerlegt. Der Eindruck im ganzen ist etwas schwer uud nüchtern; es fehlt zu sehr der plastische und farbige Schmuck.

Ein Gang durch die Stadt gewährte ein ganz neues Bild, wie denn jede dieser italienischen Städte ihren bestimmten eigenartigen Charakter hat. Bologna hat msofern Aehnlichkeit mit Turin, als überall neben den Straßen Arkaden hin­laufen, aber während dieselben in Turin durch massige Pfeiler gestützt sind, er­scheinen hier meist Säulen, sodaß man von der Straße aus weithin in die Bogen­gänge hineinsieht. Und dann ist Turm durchaus modern, während sich hier überall das Mittelalter fühlbar macht. Namentlich um den Hauptmarkt her stehen mächtige alte Gebäude, das Rathaus, der Palazzo del Podesta, die Petroninskirche ähnlich wie an der Piazza della Signoria in Florenz. Das Ganze macht einen