Beitrag 
Kleine Chronik vom Reichstage.
Seite
441
Einzelbild herunterladen
 

441

Kleine Chronik vom Reichstage»)

Der Reichstag ist constiluirt; die Präsidenten Simsvn. Herzog von Ujest und Bonussen und die cicht Schriftführer ^sind nach langer Wahl gefunden und mit Einbrinaung des Bundesverfassungscntwurfes beginnt die Handlung im Saale des Neichsrathshauscs am leipziger Platz. Diese vorbereitenden (Geschäfte der parlamentarischen Versammlungen erfordern in der Regel eine volle Woche, sie sind an sich eintönig und wenn man will langweilig, der Schwerpunkt des Interessanten liegt in dieser Zeit fast ganz hinter den Coulissen.

Die Theilnahme der Berliner an den parlamentarischen Versammlungen ist seit dem Jahre 1858 eine ungcmein lebhafte, nachdem sie M Zeit der Land­rathskammern auf den Gefrierpunkt hcrabgesunken war. Das Wortneue Aera" wird viel belächelt, man siebt diese Zeit, welcher nolens voleus eine Sturm- und Drangperivde, dann eine glanzvolle Hauptaction in d^er besten Be­deutung des Wortes gefolgt ist. etwa mit den Augen an, welche das reifere Alter für ideale Schwärmereien der Jünglinasjahre in Bereitschaft hält. Und doch haben die ersten Jahre der Regierung König Wilhelms warme und leiden­schaftliche Theilnahme an politischen Borgängen erzeugt und wie mit einem Zauberschlage jene LetKargie beseitigt, welche über dem Volke lagerte und den Machthabern freies Spiel ließ.

Wo sind die Zeiten hin. da die Tribünen des Abgeordnetenhauses, welche, nebenbei bemerkt, sechsmal mehr Zuhörer als die Logen des Neichstagssaalcs fassen können, öde und leer standen und täglich dieselben Besucher: ein halbes Dutzend Frauen und Schwäger von Abgeordneten, auszuweisen hatten? Seit 1858 war an wenigen Tagen auf den Tribünen ein Platz leer; der An­drang um Eintrittskarten steigerte sich so sehr, daß endlich die Parasiten aller Schaulustigen, dieBillethändler" die Hand im Spiele hatten, durch allerlei Schleichwege in Besitz der Karten gelangten und für schweres Geld an den Mann brachten. Die Verlegung der Reichstagsverhandlungen in den Saal des Herrenhauses war daher ein harter Schlag für die Schaulust der politischen Berliner und die Beamten im Bureau haben eine wenig bencidenswerlhe Auf­gabe, den Sturm nach Eintrittskarten abzuschlagen. Eiri mächtiges Placat mit den Worten:Meldungen um Eintrittskarten müssen schriftlich eingebracht wer­den" bot nur geringen Schutz gegen den übergroßen Andrang. Und so waren denn die Tribünen bis je'tzt täglich überfüllt, ob es auch noch nichts zu bören, sondern höchstens etwas 'zu seben gab; wer diesen Zweck erreichen wollte, der wußte wohl eine Stunde vor Beginn der Sitzung am Platze sein.

Noch ist fein Sitnationsplan der Plätze 'mit den Namen ihrer Inhaber. l>M einst im Abgeordnetenhause erschienen, die Neugierigen müssen daher suchen und rathen, wenn sie nicht das Glück haben, neben einer oder einem zu sitzen, der Habituö des Hauses werden will. Die Eintretenden werfen einen Blick ^uf die Ministerbänke und sehen, ob Graf Bismarck vorhanden ist, dann über me Bankreihen, auf denen viele Weiße Häupter und viel spärlicher Haarwuchs sichtbar sind.

Es ist lebendig im Saale, von drei Seiten ber treten die Mitglieder ein, 'hre Conversation bringt ein dem Wellengemurmel ähnliches Getöse hervor: vergebens sucht das Auge des Zuschauers aus den Mienen den Inhalt der

»i-lit ""terzcichnete hält sich während der Dauer des Reichstags als Mitglied desselben

wi?e!> c A^'"nct. ja nicht für berechtigt, über Personen, mit denen er collcgialisch zusammcn- vff! ,t "b°r die Geschäfte, an denen er Mitwisser und Thcilnchmer geworden ist.

Ncd beuchte», Das Referat über die Wochcnercignisse im Reichstag ist deshalb einer

o «er ^ournalistenloge übertragen worden. Gustav Freytag.