Zur Diätenfrage.
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achdem er jahrelang geruht, ist der früher bereits siebenmal verhandelte Antrag, den Reichstagsmitgliedern Tagegelder zu bezahlen, jetzt von der Fortschrittspartei — mit diesem alten Namen benennen wir wohl am besten die Partei, welche sich heute die „deutsch-freisinnige" nennt — wieder neu eingebracht worden. Die Verhandlung, welche Vonseiten der Antragsteller nur Längstbekanntes gebracht hat, würde kaum noch Interesse erweckt haben, wenn nicht der Reichskanzler lebendig in dieselbe eingegriffen und eine Fülle geistreicher Bemerkungen eingestreut hätte. Für die Frage, ob die Diätenlosigkcit der Reichstagsmitglieder den Bestand des Reichstages wirklich benachteilige, bieten sich zwei Anhaltspunkte der Beurteilung dar, die Geschichte des Reichstages selbst und die Ver- gleichung desselben mit dem preußischen Abgeordnetenhause.
Niemand wird leugnen, daß der Reichstag in den ersten Jahren seines Bestandes eine glänzende Versammlung geistiger Potenzen war. Es giebt kaum ein Gebiet deutschen Geistes, welches nicht in hervorragender Weise in ihm vertreten gewesen wäre. Und doch hat niemals verlautet, daß damals schon künstliche Mittel aufgewendet worden seien, um einzelnen Mitgliedern die Diätenlosigkcit minder fühlbar zu machen. Gegenwärtig sind die meisten, welche damals die Räume des Reichstages füllten, nicht mehr vorhanden. Sie sind tot, gealtert oder aus sonstigen Gründen ausgeschieden. Die jüngste Wahl allein hat dem Reichstage einhundertfünfzig neue Mitglieder gebracht. Wir sind ja weit entfernt, absprechen zu wollen über die geistige Bedeutung des gegenwärtigen Reichstagsbestandes. Niemand kann sagen, welche parlamentarische Begabung in den neu hinzugekommenen Mitgliedern vertreten sein wird. Aber unzweifelhaft scheint es uns, daß das deutsche Volk nicht mehr so hoch zu seinem Reichstage hinaufschaut wie früher. Der nächste Grund liegt in der Art der Verhandlungen. Früher waren diese vorwiegend sachlicher Natur, und wenn auch hie und da persönliche Reibungen vorkamen, so wurden dieselben doch mit einer Zurückhaltung und Feinheit geübt, welche dem hohen Vildungsstande des Reichstages Ehre machte. Heute erfüllt persönliches Gezänk einen wesentlichen Teil der Reichstagsverhandlungen. Fast jeder Redner glaubt seine Rede damit beginnen zu müssen, daß er erst alles ausschüttet, was er wider seine Gegner auf dem Herzen hat. Und diese Verhandlungen werden mit einer Bitterkeit geführt, daß man oft zweifeln möchte, ob man sich noch in gebildeter Gesellschaft befinde.