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Lmile Zola.
Ich erinnere mich hier eines Gedichtes aus sehr alter Zeit, eines Gedichtes des Simonides, worin der Dichter sich gegen den Pittakos wendet, weil dieser gesagt hatte, es sei schwer, gut zu sein. Nicht schwer ist es, gut zu sein, antwortet Simonides, sondern es ist ganz unmöglich. Nur ei» Gott vermag gut zu sein, der Mensch aber entgeht dem Fehltritt nicht, darum will ich mich nicht abmühen, Unmögliches zn erspähen, indem ich nach einem Manne ohne jeglichen Tadel suche, und ich will jeglicheu loben und lieben, der nur Schmachvolles nicht thut, denn niit dem Schicksal kämpft auch ciu Gott vergebens. Platon aber, welcher dieses Gedicht erklärt, setzt hinzu, Simonides sei nicht so unnnter- richtet gewesen, daß er angenommen hätte, es gäbe Leute, die das Böse freiwillig thäten. Nach seiner, des Platon, Überzeugung denke überhaupt kein einsichtiger Mann, daß irgend ein Mensch das Schändliche aus freier Wahl thue, sondern alle wüßten wohl, daß jedermann unvorsätzlich sündige.
Von der Wahrheit, die sich in den angeführten Worten ausspricht, scheint auch Zola, wenn nicht eine wahrhaft philosophisch begründete Einsicht, so doch ein künstlerisches Gefühl zu haben. In einigen seiner Personen, und, wie ich denke, in den am besten charakterisirten, tritt das hervor. Die unglückliche Heldin des ^ssoilimoir ist ein ganz vortreffliches Weib, von wahrhaft rührender Güte, die aus reiner Tugend, obwohl im Elende, nicht mit dein einzigen Manne fliehen will, der sie wahrhaft liebt. Ihr Mann ist ein fleißiger, munterer Arbeiter, der nur infolge eines unglücklichen Sturzes der Arbeit entfremdet und dem Alkohol zugeführt wird. Nana erscheint während ihrer Liebschaft mit dem häßlichen Komiker Jontan plötzlich mit den edelsten Tugenden ausgerüstet, was oberflächliche Leser für einen Fehler des Autors halten. Sie verachtet das Geld, sie arbeitet, sie läßt sich geduldig prügeln aus Liebe, sie verkauft sogar ihren Leib gewerbsmäßig auf der Straße, um den Mann zu ernähren, der sie mißhandelt, was meiner Meinung nach ein äußerst feiner Charakterzug ihres Wesens ist. Aber es lassen sich nur wenige solche Züge aufzählen, welche zeigen, daß Zola wohl wisse, niemand thue das Böse freiwillig. Zola hat sich, der Mode des Zeitalters folgend, in seiner Unterscheidung zwischen Gut und Böse auf den naturwissenschaftlichen Standpunkt gestellt und will in seiner Gesellschaftsknnde nach Analogie von Stuart Mill, Herbert Spencer, Anguste Comte und ähnlichen Sozialphilosophen die Laster aus erblich sich fortpflanzenden und allmählich in den den Generationen wachsenden Keimen erklären. Die Familie, deren Schicksal, äußerlich betrachtet, das zusammenfassende Band seiner sozialen Romane ist, soll die Weiterentwicklung des Lasterkeimes anschaulich machen. Den Ursprung des Keimes vermag er natürlich so wenig wie die andern anzugeben, und auch über die Wachstumsbedingungen desselben ist er nicht klarer als sie. Nur uach einer, und zwar einer nicht unwichtigen Richtung hin muß ihm Scharfblick zugestanden werden. Seine schlechtesten, das heißt seine schwächsten, das heißt seine kränksten Personen sind zugleich die größten Leckermäuler. Das elende Volk im ^SMinmoir wird ein-