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durch, wir kommen durch, schone nur die Pferde!" sagte eine Stimme neben mir in ermutigendem Tone. Sie mußte wohl von demselben herrühren, der mich in so unbequemer Stellung hinter dem Sattel hielt. Die Worte wurden von einer unbekannten Stimme in der Landessprache gesprochen, und sie hatten für mich durchaus nichts Tröstliches. Sie machten mir erstens klar, daß ich gefangen war, und zweitens, daß ich nicht mehr ans Befreiung hoffen durfte. Die Räuber hofften durchzukommen, weil die Verfolgung nachließ, und verfolgen konnten sie nur die Rusfen, vermuthlich dieselben, die ich aus der Entfernung erblickt hatte, als ich zugleich mit meinem Orlik stürzte. Bald wurde mir der Athem schwer — ich bekam keine Luft. Wenn doch jemand meinen Kopf bequemer gehalten hätte! Er hing gar zu hoffnungslos auf dem kraftlosen, gelähmten Halse. Wieder schwand mir das Gehör, und ich sah auch nicht einmal mehr jene rothen Lichtkreise, jenen Nebel, in dem sich ein unbestimmter Gegenstand bewegte — tiefe Dunkelheit verschlang alles.
„Er ist todt!" hörte ich plötzlich ganz deutlich eine Stimme sagen. „Meinetwegen, mir ists auch so recht", antwortete eine andere. „Nein, er athmet noch. Aber das ist eins, er wird doch gleich sterben." — „Hassan hat ihm ein Tüchtiges ins Genick versetzt." — „Er sträubte sich sehr, deshalb hat er ihm eins gegeben. Aber warum willst du dich mit ihm schleppen? Laß ihn doch fallen. Lebendig bringst du ihn doch nicht ins Lager. Er macht uns nur Aufenthalt." — „Was Aufenthalt! Sie sind ja fort, und bis Abend sind wir zn Haus. Der Mullah Sadyk gibt einen Kaftan um ihn — er muß ja ein großer Tjura (Anführer) sein." — „Aber es ist gleich, wie du ihn bringst, den ganzen Körper oder nur den Kopf — und so ist er viel leichter fortzuschaffen. Schneid' ihm nur den Kopf ab." — „Warte, er wacht vielleicht noch auf. Lebend wäre es doch besser." — „Er wacht nicht mehr auf." — „Nun, so wollen wir sehen."
Ich hörte das ganze Gespräch so deutlich, ich verstand so gut, um was es sich handelte — die grauenvolle Bedeutung dieses Wortwechsels war mir völlig klar. Gott, wie gern wäre ich aufgewacht!
Wenn es ihnen gleich war, ob sie den ganzen Körper oder nur den Kops brachten, so war das mir durchaus nicht einerlei. Im Körper konnte sich ja noch Leben erhalten und mit dem Leben die Hoffnung — im Kopfe aber, in dieser vom Rumpfe getrennten Kugel! — Ich nähme alle Kraft zusammen, ich machte eine übermenschliche Anstrengung, ich stöhnte auf.
„He!" schnatterte die erste Stimme ermunternd. „Der Hammel hat geblockt, ha, ha!" lachte der zweite. „Reiten wir an die Brunnen — man muß ihn mit Wasser bespritzen, dann wacht er ganz auf. Haida, haida!" Wieder fiel ich in Bewußtlosigkeit zurück, wieder hatte ich ein Gefühl, als ob ich im