78
für ihren Bruder. Auch die Gunst, welche sich sein alter Vater durch die oben erzählte Unterredung bei dem König Jerome erworben hatte, mochte dazu beitragen, daß der Sohn endlich freigelassen und sogar in seine Stelle als Förster zu Kirchditmold wieder eingesetzt wurde.
Leonhard Müller.
Literatur.
Größenwahn. Vier Kapitel aus der Geschichte menschlicher Narrheit. Mit Zwischensätzen. Von Johannes Scherr. Leipzig, Verlag von E. I. Günther. 1876.
Ein widerwärtiges Buch sowohl nach seinem Inhalt, wie nach seiner Tendenz und nicht minder nach seiner Sprache. Von den vier Kapiteln behandelt das erste eine Episode aus dem Treiben der bekannten mystisch-pietistischen Schwärmerin Eva v. Buttlar, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im Wtttgensteinschen mit einigen männlichen Spießgesellen muckerische Thorheiten verbunden mit geschlechtlichen Ausschweifungen trieb, das zweite die Geschichte der Wiedertäufer von Münster, das dritte (vor einigen Jahren schon besonders erschienen) wieder eine Muckergeschichte, die der wahnsinnigen Margaretha Peter von Wildisbuch welche, nachdem sie in religiöser Überspanntheit ihren Anhang zu greuelvollem Morde veranlaßt, sich zuletzt selbst von ihm kreuzigen ließ. Das vierte Kapitel (ebenfalls schon abgedruckt und zwar in der Gartenlaube) erzählt die Geschichte der Commune von 1871. Die Zwischensätze bestehen bis auf den letzten, der uns damit bekannt macht, daß >>er Verf. Herrn Gutzkow für einen bedeutenden und verdienstreichen Schriftsteller hält, in Späßen, denen nicht viel mehr fehlt als der Humor. Basis und Tendenz des ganzen Buches ist ein selbstgefälliger Pessimismus, an dessen Echtheit wir übrigens keinen Augenblick glauben, von dem wir vielmehr annehmen, daß der Verfasser ihn zur Schau trägt, weil er damit geistreich, originell unK interessant auszusehen meint. Was damit nicht erreicht wird, muß die Wahl des Stoffes und die schamlose Hervorhebung blutig, wollüstiger Greuel wie in Nr. 1, 2 und 3 thun. Die Sprache des Herrn Scherr endlich erinnert an den Ton der Schenken, in denen die schweizerische Demokratie sich trifft. Wortbildungen wie „Opportunitätsgesindel", „Dünkeltobsucht". „Hypothesenwind", „Stinkjude", „erdiebsfingern". „unheilige Gesindelschaft"