Der Katholicismus in Deutschland im vorigen Jahrhundert.
Der neuerdings in verschiedenen Theilen Deutschlands entbrannte heftige Kampf zwischen der katholischen Kirche einerseits, den weltlichen Gewalten und der modernen Civilisation andrerseits, lenkt den Blick des Kulturhistorikers unwillkürlich auf frühere Zeiten zurück, und auf die Stellung, welche damals die katholische Kirche und der Katholicismus im Kulturleben des deutschen Volkes einnahmen.
Die nachfolgenden Ausführungen machen nicht entfernt darauf Anspruch, ein abgerundetes Gesammtbild von den Zuständen der katholischen Kirche in Deutschland im vorigen Jahrhundert zu liefern. Nur eine Anzahl einzelner Züge zu einem solchen Bilde wollen sie bieten, und zwar solche, die meist von erster Hand aus Mittheilungen zeitgenössischer Schriftsteller entnommen sind.
Wir vertheilen unsern Stoff unter drei Rubriken. Zuerst wollen wir einige Beispiele anführen (wie jene zeitgenössischen Mittheilungen uns solche an die Hand geben) von der Nohheit, dem Aberglauben, der Unduldsamkeit, endlich der Unsittlichkeit, welche damals bei einem Theile des katholischen Klerus in Deutschland herrschten und ihre verderblichen Einflüsse auf die Bevölkerung in weiten Kreisen äußerten. Sodann wollen wir an einer andern Reihe von Beispielen zeigen, wie trotzdem die katholische Kirche in Deutschland den Einströmungen und Einwirkungen der immermehr überhandnehmenden allgemeinen „Aufklärung" und „Humanität" sich nicht zu verschließen vermochte, ja wie schon damals innerhalb derselben neuernde Ideen und Bestrebungen sich kundthaten, die in bisweilen überraschender Weise bald an die deutsch-katholische, bald an-die altkatholische Bewegung der jüngsten Zeiten erinnern. Und endlich werden wir einige Streiflichter werfen auf die damalige Stellung der geistlichen zur weltlichen Gewalt in Deutschland, auf das Verhalten sowohl weltlicher als geistlicher Fürsten des Reiches zu Rom und zur römischen Kirche.
Die geschichtlichen Parallelen aus der Gegenwart zu jedem dieser ein- Grenzbotm 1873. n. 16