Auswahl aus den Kleineren Schriften von Zacob Hrimm.
Die kleineren Schriften von Jacob Grimm umfassen V Bände, die in den Jahren 1864 bis 1870 herausgekommen sind. Aus dieser größeren Sammlung ist die obige Auswahl in Einem Bande das vorige Jahr erschienen.
Auch demjenigen, der vielfach theilnehmend mitten in den Interessen unserer Zeit steht, kommt außer dem engeren Kreise seiner Studien heute so viel Kostbares, allgemein zugänglich Gemachtes aus alter und neuester Zeit vor, daß er sich manche Perle, die der Strom des Tages an ihm vorüberführt, muß entgehen lassen. Die Zeit reicht nicht aus, die Perlen alle aufzuheben, geschweige denn, sie in ruhiger Sammlung zu genießen. Es gibt aber noch immer, wie zu allen Zeiten, Solche, die mit oder ohne Diogeneslaterne nach Menschen suchen. Möchte wenigstens von diesen Keiner sich die obige Auswahl entgehen lassen! Und wer unter den mannigfaltigen Befriedigungsmitteln der Bildung in inniger ganzer Menschheit die schönste Befriedigung findet, der greife nach diesen Schriften. Ihre Gegenstände liegen von dem augenblicklichen Tagesinteresse weit ab, meist sind es Erinnerungen an persönliche Begcgnisse des Verfassers, Widmungen seiner Schriften, Gedenkreden auf verstorbene Zeitgenossen, oder kurze Andeutungen über wissenschaftliche Gegenstände, sofern sie eine Beziehung zu dem unmittelbaren Leben darbieten. Aber nicht die Gegenstände machen den Werth der Sammlung aus, sondern der Reichthum und die Einfalt eines großen und edeln Herzens, die sich bei jeder zufälligen Berührung einer inneren Saite wie unwillkürlich bewegen und in harmonischer Fülle, in anmuthigcr Regellosigkeit nach einem verborgenen Gesetz erklingen.
Der Mann, dem diese kleinen Nedewerke, sämmtlich Kinder der Gelegenheit, entsprungen, ist als gelehrter Forscher ein hochgefeierter Name, in hohen und niederen Kreisen längst bekannt, wenn auch, was in der Natur der Sache liegt, nur von Wenigen erkannt. Viele, die ihn nennen und die auch ungefähr wissen, worin er geforscht und über welche Gegenstände er geschrieben, haben darum doch keine Vorstellung, was sein Leben und Arbeiten für unser' und unseres Volkes Dasein bedeutet. Läßt sich dies mit Einem Worte sagen?
Grmzboten II. 1872. 1