Beitrag 
Aus der deutschen Hauptstadt.
Seite
187
Einzelbild herunterladen
 

157

liegt ein von den Altconservativen wohl ausgebeutetes, gefährlich-egoistisches Moment in der landwirtschaftlichen Bewegung von heute, wie dieselbe an einigen Stellen aufgefaßt wird. Gegenüber den betreffenden Expectorationen des Abgeordneten von Gottberg, vereinigten sich die Stimmen vieler, ihrem Berufe nach selbst als Landwirthe thätigen, Abgeordneten zu einhelligem Pro­test. Daß es vor Allem auch Freiconservative waren, die hier den feudal- reactionären Tendenzen die Spitzen boten, wird die Partei, die in den ein­zelnen büreaukratischen Ressorts der specifisch-preußischen Verwaltung schon jetzt sehr viel Feinde hat, wohl entgelten müssen. Allein die immer mächti­ger wirkenden Ideen der Selbstverwaltung und gleichmäßigen Steuer­vertheilung sind eine Bürgschaft dafür, daß der sie hochhaltende freiconserva­tive Bestandtheil unserer künftigen Reichspartei seinen Einfluß nicht ver­lieren wird. <Z/I.

Wie im leiblichen Organismus, so treten auch im Leben des Staates Momente ein, wo die gleichförmige und stetige Entwickelung einer raschen und plötzlichen Umgestaltung weicht. Diese Augenblicke zu schaffen, ist die höchste Probe staatsmännischen'Talents; sie zu acceptiren ist Pflicht jeder einsich­tigen Regierung.

Ein solcher organischer Wendepunkt trat für die staatliche Zukunft von Bayern ein, als die Verträge von Versailles geschlossen wurden. Mit weit­sichtigem Blicke, mit schöpferischer Hand hatte Bismarck dieselben vorbereitet, mit würdevoller Einsicht ward die bayrische Staatsregierung der Lage gerecht; es handelte sich nunmehr darum, daß auch das Volk diese Einsicht theilte, daß seine Vertreter das freiwillig entgegennähmen, was nothwendig ge­worden war.

Die Verträge von Versailles sind für die Zukunft unseres Landes von so immenser Bedeutung, daß man sie, selbst isolirt betrachtet, als ein hoch­politisches Ereigniß in dieser Fülle großer Erlebnisse bezeichnen darf. Die ge­stimmte nationale Bewegung des Landes, die ganze parlamentarische Thätig­keit der Kammer krystallisirte sich um diesen Kern, und so mag wohl ge­rechtfertigt erscheinen, wenn wir auch hier die gesammte politische Action, die auf diese Frage Bezug hat, in ein gemeinsames Bild zusammenfassen.

Daß wirklich eine Krisis für Bayern gekommen war, das fühlten alle Parteien mit schlagender Entschiedenheit, so verschieden man noch über die Art der Lösung dachte. Die Nationalliberalen wußten, was wir in diesem Augenblicke zu'verlieren hatten, die Patrioten glaubten zu wissen, daß ihnen niemals ein größerer Gewinn veschieden war, als wenn sie jetzt unter der Maske des Rettungsengels Revolution machten. So standen daher die Ge-

Me Behandlung der bayrischen Verträge.

Aus Bayern.