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Neue historische Literatur. 1.
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Neue historische Literatur.

Politische Zustände und Personen in Deutschland zur Zeit der französischen Herrschaft von Cb, Tb, Perthes. I. Band. Das südliche und westliche Deutschland. Gotha. 1812.

1.

Zu dem ausgezeichneten Werk, welches der Titel den Lesern d. Bl. anzeigt, war Perthes vor vielen andern befähigt. Durch seine Schriften über das dcutscbe Staatsleben vor der Revolution und das Leben von Friedrich Perthes hat er bewährt, wie vertraut er mit der Geschichte jener Zeit ist, na­mentlich das letzte Buch stellt einen großen Fortschritt in der politischen Bio­graphie vor. Friedrich Perthes war selbst keine große Persönlichkeit, aber durch seine vielseitigen Verbindungen und die Ereignisse wurde er ein Ohr der Zeit, und die an ihn gerichteten Briefe, welche uns der Sohn mittheilt, bieten treff­liches Material für die Geschichte jener Tage. Daneben ist das Buch sehr gut geschrieben, und wir können nur bedauern, daß nicht die Aufgabe Steins Leben zu schildern einer ähnlich kunstfertigen Hand zugefallen ist. Diesmal löst Per­thes eine größere Aufgabe: Darstellung der Einwirkungen, welche die französische Umwälzung auf Deutschland in politischer und socialer Beziehung gehabt, und er thut dies in der belehrendsten Weise. Es war lange zu beklagen, daß in den Geschichten des Zeitalters der Revolution alle Aufmerksamkeit auf die Begeben­heiten in Paris und die Feldzüge gerichtet war, erst Sybel und Tvcqueville haben, was Frankreich b'etrifft, die tiefern socialen Gründe der Bewegung ent­hüllt, für Deutschland aber gebrach es, mit Ausnahme Preußens, bisher an einer eingehenden Schilderung der innern Verhältnisse. Offenbar aber liegt für uns doch die größte Bedeutung der ganzen Revolution in dem Einfluß, den sie auf die heimischen Zustände gehabt hat, das Werk von Perthes füllt daher um so mehr eine große Lücke aus, als unsrer Ansicht nach die gestellte Aus­gabe auf das glücklichste gelöst ist.

Die Einleitung zeigt, wie am Ende des 18. Jahrhunderts das Bewußt­sein der gemeinsamen Nationalität im deutschen Reiche vollkommen geschwunden war; gleich Leichenstcinen standen Kaiserthum und Reichstag, Reichsgerichte und Reichsarmee umher, verwitterte Denkmale untergegangener Größe, die nur Spott oder Schmerz erweckten. Mit den politischen Formen war allmälig auch das politische Leben erloschen, das die Voraussetzung für die Dauer jedes an­dern nationalen Gutes bleibt, in den einzelnen Territorien waren die staat-