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Galatz : Schilderungen aus einem längeren Aufenthalt.
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Das Hundeconcert, welches die ganze Nacht hindurch unmittelbar vor meinem Fenster aufgeführt wurde, machte mir am nächsten Morgen den Ab­schied aus der Stadt Paris sehr leicht; ebenso erleichtert wurde mein Geldbeutel durch die Note der Madame, Ich zog in die obere Stadt in das Hotel Europa, um daselbst für mehrere Wochen mein Standquartier aufzuschlagen. Das war auch ein Hotel, aber es näherte sich schon ziemlich dem orientalischen Karawan­serai. Mein Zimmerchen mit vier kalkweißen, nackten Wänden hatte Sonnenseite und unter 30 siel die Temperatur selten; eine Matratze mit Decke, von der man natürlich keinen Gebrauch machte, ein Stuhl und ein Tisch, darin be­stand seine ganze Ausstattung. Der Weg zu ihm führte über eine lange, hölzerne Gallerie längs des Hofs, in welchem die Kutscher neben ihren Pfer­den im Miste lagen; ihre Ausdünstungen machten die Nachbarschaft nicht an­nehmlicher. Oeffnete man das Fenster einen Augenblick, so hatte man sofort eine Million Fliegen zu Gaste, von allerlei kleinen Feinden, die schon ur­sprünglich eingebürgert waren, gar nicht zu reden; daran muß man sich im Süden gewöhnen. Die Bedienung erstreckte sich auf die morgendliche Er­scheinung eines Individuums ohne Fußbekleidung und Jacke, welches stets einen merkwürdigen Geruch nach Zwiebeln um sich verbreitete; wollte man des Tages über einmal die Stiefeln geputzt haben, so konnte man sich eine ge­sunde Uebung mit dreiviertelstündigem Klingelziehen verschaffen und es dann selber thun. Speise und Trank mußte man auswärts suchen, doch befindet sich im Haus ein Caf6. Ich richtete mich ein so gut es gehen wollte und fand mich allmälig in mein Schicksal. Bei meinen fortgesetzten Wanderungen und Besuchen in der Stadt lernte ich den preußischen Consularagenten Blücher kennen, einen Mann, der in die Handelsverhältnisse des Platzes und der Moldau überhaupt tiefer eingeweiht ist, wie viele andere, und dessen Gerad­heit und Gefälligkeit der höchsten Anerkennung würdig sind. Beide Eigen­schaften will man den griechischen Handelsherren, welche hier, wie überall, wo sie sich festgesetzt haben, das Hauptgeschäft an sich ziehen, nicht immer nach­rühmen; doch gibt es. wie ich bestätigen kann, auch unter ihnen sehr liebens­würdige Männer. Sie bilden neben den Consuln und einigen Würdenträgern die Spitze der Gesellschaft in der Stadt. Von geselligem Leben ist übrigens hier, wo das Geschäft Alles absorbirt. wenig die Rede; alle Enkel umgeben sich mit einer Mauer, deren Pförtchen sich nur schwer und ungern öffnet. Auf die Familie ist hier Jedermann angewiesen; wer keine hat, der führt ein trostloses Dasein.

Eine merkwürdige Bekanntschaft machte ich in der Bierschenke, es war die eines mehr als hundertjährigen Italieners, der unter Napoleon mit an den Pyramiden gefochten hatte. Er sah aus und trug sich ganz wie ein Türke, ein langer, weißer Bart und ein mächtiger, bunter Turban standen dem