mel-
Der Vortrupp
y. Jahrgang ^Y20
Nr. 2§
2. Dozemberheft
Von wahrer Vaterlandsliebe.
Ausgebreitet liegt vor unserem geistigen Auge die große Erde. Mir kennen sie von Pol zu pol. Kaum ein Winkelchen blieb, wohin nicht die Pfadsinder und Sucher drangen mit ihren: Forschungsbegehren. Mir wissen das Leben der Völker, aller Völker, kennen ihre Sitten und Sittlichkeiten, ihre Eigenheiten des Denkens und äußeren Seins. Ja, wir haben sie ausgesucht in ihrem Kreise, sind selber in alle Meltteile gereist und ließen uns besuchen und aussuchen von allen Fremdlingen der Erde. Ein Austausch ging hin und her, nach außen und innen. Und alles, was wir die Technik oder Zivilisation der Zeit nennen, machte es uns leicht, den fernen Bruder zu finden und zu erkennen. Mir waren stolz, wir und alle Men- schenbrüder, auf solche Erfahrenheit und glaubten, weiß Gott wie weit wir es gebracht hätten in der Wissenschaft über unseren Nächsten, über sein Leben und Sein.
Der große Krieg aber belehrte uns und ließ uns mit Schrecken erfahren, daß wir alle nur allzuweit noch davon entfernt sind, einander in Wahrheit zu verstehen, daß ein Volk dem anderen gegenüber durchaus noch befangen, ja in tiefster Unkenntnis über dessen eigentliches Wesen ist und unsere, wie wir meinten, tiefe Kenntnis nicht viel mehr als Schein bedeutet. Denn viel zu äußerlich und von Anmaßung getrübt war diese Kenntnis und gründete sich nicht auf ein Missen der innerlichen und eigentlichsten Wesenheiten einer fremden Volksgemeinschaft und der Abhängigkeit dieser Wesenheit von Natur, Klima, Verqangenheit, Geschichte und Rasse.
Statt sich mit bestem Willen einzufühlen in ein fremdes Volk, in seine Gegebenheit und Gebundenheit, verfielen die Nationen nur gar zu gern in den Fehler, sich selbst als den Kern- und Mittelpunkt des Weltganzen zu betrachten, von sich aus allein die übrige Welt und ihre Bewohner zu beurteilen; gleichsam als sei eine jede zum Richter über die andere berufen. So ward das Urteil über einander schief, ungerecht und unbillig; ja, man verredete und verlachte nur zu gern sogar die wahrhaft guten und starken Eigenschaften eines fremden Volkes, allein weil sie dem eigenen Wesen fremd waren. Man bemühte sich kaum ernstlich, eine völkische Fremdheit zu verstehen vom Standpunkt des anderen und in der Einsicht, daß doch ein jedes Volk sein Inneres offenbart nach seiner gegebenen und oft nur zu bedingten Fähigkeit, wenige nur dachten bei ihrem Urteil auch wohl daran, daß es nichts als des Geschickes Zufall ist,
1