Jahrgang 
1920: 1920
Entstehung
Seite
541
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Der Vortrupp

9. Jahrgang ^^0 Nr. 22 2. Novemberheft

Großmächte.

Zu einer Zeit, da Vernunft und Menschlichkeit gefesselt waren und die rohe Gewalt herrschte, war jeder daraus bedacht, die Kräfteverhältnisse der beteiligten Staaten kennen zu lernen, da von ihnen der Ausgang des Krieges abhängig war. Da erschien l9l4 das BuchDie Großmächte der Gegenwart" von Rudolf Kjellen (Professor der Staatswissenschast in Uxsala und konservatives Mitglied des schwedischen Reichstages). Es entsprach so sehr dem Bedürfnis, sich über die Grundlagen der großen Politik zu unterrichten, daß es bis l9l6 l9 Auslagen erlebte. Nun ist ein neues Werk erschienen:Die Großmächte und die Welt­krise"*), das außer dem Inhalt des früheren (Das alte Großmacht­system") noch eine knappe Darstellung des Krieges und seiner Ergebnisse (Die Weltkrise und das neue System") bringt. Der neutrale Gelehrte bietet hier ein Handbuch, das zwar eine gewisse Kenntnis der politischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte voraussetzt, aber doch in seiner knappen Form ein unvergleichlich eindringliches Bild von den Tatsachen und Trieb­kräften gibt, welche die politische Geschichte bisher nun einmal mit ihrer Wucht erfüllen und gestalten. Man kann diese Kenntnisse nicht entbehren, welcher Partei man auch angehören, welche Stellung man auch den erd­umspannenden Fragen gegenüber einnehmen mag. Ja, gerade der An­hänger einer neuen Ordnung zwischen den Staaten bedarf dieses Überblicks am dringendsten. Er wird aber auch in diesem Buche, teilweise wider den Willen des Verfassers, Waffen finden, die vorzüglich zu gebrauchen sind gegen die sinn- und seelenlose herkömmlicheRealpolitik" der Groß­mächte.

Auch in wissenschaftlichen Kreisen haben die staatspolitischen Schriften Kjellens Aufmerksamkeit und Anerkennung gesunden, weil er sich e i g e n e fruchtbare Methoden geschaffen und mit einer Reihe neuer Gesichtspunkte den ungeheuren Stoss geklärt und gestaltet hat. Er betrachtet die Großmächte mit der Liebe des echten Forschers zu seinem Gegenstand und doch mit dem kühlen, scharfen eindringlichen Blick der wissenschastlichkeit, dem weder Vorzüge noch Fehler entgehen und der schnell die wesentlichen Merkmale der Erscheinungen packt.Jede Macht wird dabei aufgefaßt als die politische Einheit von fünf Bestandteilen, je

*) R. Kjellen, Die Großmächte und die Weltkrise. B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1924.