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Der Vortrupp
9. Jahrgang
Nr. 20
2. Gktoberheft
Zum Gedächtnis an Jakob Grimm>
Auch für die Geschichte der Wissenschaften gilt das Wort Friedrich Nietzsches, daß die Gedanken, die auf Taubenfüßen kommen, die Welt umgestalten. Auch da vergeht zumeist wie Schall und Rauch, was mit schmetternden Fanfaren in die Welt gesetzt wird, während das Echte zunächst im engen Kreise wirkt und dann der Nachwelt unverloren bleibt. In der stillen Arbeitsstube eines deutschen Gelehrter: sind in dem Jahrzehnt nach den Freiheitskriegen jene Gedanken gereift, denen wir eine gründliche und helle Erkenntnis der deutschen Vorzeit und der treibenden Kräfte unserer völkischen Entwicklung verdanken; und gerade vor einhundert Jahren, im Herbst 1^820 konnte der Altmeister der Deutschkunde, konnte Jakob Grimm seinem bedeutendsten Mitarbeiter Karl Lachmann die genauere Fassung des Gesetzes der „Lautverschiebung" mitteilen, die sich als ein wahrer Eckstein in dem stolzen Gebäude der „deutschen Wissenschaften" erweisen sollte. Um die Bedeutung dieser Entdeckung und weiterhin des Mannes und seines Werkes zu erweisen, müssen wir aber schon ei:: wenig weiter ausholen.
wo immer auf dem Erdenrunde deutsch gesprochen und gelesen wird, wo sich Deutsche und Fremdländer in der Anerkennung deutscher Geistestaten zusammenfinden, da kehren drei heilige Bücher wieder, die Tausenden und Abertausenden ihre geistige Kost geboten haben und hoffentlich noch lange bieten werden: Dr. Martin Luthers deutsche Bibel, Goethes „Faust" und die „Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Durch wie zahllose Hände ist das liebe Buch schon gegangen, wie viele junge und noch jugendlich empfindende Herzen hat es bewegt, ohne daß die Leser und Hörer recht wußten, wer die „Brüder Grimm" eigentlich waren. Den: romantischen Geschlecht am Anfang des vorigen Jahrhunderts entsprossen, haben Jakob und Wilhelm Grimm aus Hanau treu und rein bewahrt und anmutig wiedergestaltet, was an alten Erzählungen im Volksmund lebte, so wie ihre Freunde Arnim und Brentano die alten Lieder des Volkes in ihrer prächtigen Sammlung „Des Knaben Wunderhorn" vereinigt hatten, wie diese, durften auch die beiden Hessen von sich sagen: „wir wollen allen alles wiedergeben." ^ Aber sie haben dies Wort in viel tieferem Sinne wahr gemacht, als die eigentlichen Romantiker. Sie wollten in erster Linie nicht genießen und gestalten, sondern erkennen; sie wollten deutsche Art und deutsches Streben im letzten Kern erfassen, und sie wußten wohl, daß das einzige Mittel dazu das genaueste Eindringen in die ge-
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