Jahrgang 
1920: 1920
Entstehung
Seite
317
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Der Vortrupp

9 . Jahrgang O20 Nr. ^3 Iuliheft

Drei Seelen der Berufsberatung.

Seitdem die Frage einer Begünstigung oder Erschwerung des Zuganges zu bestimmten Berufen oder Erwerben nicht mehr nur Sache der unmittel­bar Beteiligten ist, kämpfen zwei sich widersprechende Rücksichten gegen­einander. Eben die auf den Beruf und die auf den Erwerb. Ausgegangen ist die Berufsberatung von Erwerbsrücksichten. Soweit es sich um Arbeit in fremdem Dienste handelt (und das ist bekanntlich die überwiegende Mehrheit der Fälle), standen von jeher die Interessen der beiden Arbeits­parteien gegeneinander. Die Arbeitgeber begünstigten den Zustrom von Lehrlingen und anderen Arbeitskräften in ihren Wirtschaftszweig, nicht nur, wenn bei diesem ein tatsächlicher Mangel an Kräften zu befürchten stand, sondern allgemein, um reichliche und gute Auswahl zu haben. Die Arbeit­nehmer suchten aus dem entgegengesetzten Grunde den Zustrom zu be­schränken, auch wo die Möglichkeit der Unterbringung größerer Arbeiter­zahlen durchaus gegeben war. Sie wollten nicht durch Vermehrung des Angebotes die Stellung der Arbeitnehmer verschlechtern, den Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen erschweren.

. So wurde die Werbung für bestimmte Erwerbszweige und die war-- nung vor ihnen zu einem Mittel des Kampfes um Beherrschung des Arbeits­marktes. Die neuen Verhältnisse der Wirtschaft und die neuen pflichten zur Beschäftigung aller Berufsangehörigen haben mit der öffentlichen Erwerbslosenfürsorge diese Dinge wesentlich verschoben. Bei anderen Berufen, in denen ein Dienstverhältnis nicht die Regel ist (wie bei Ärzten, Anwälten, Lehrern) überwog stets die Warnung der im Berufe stehenden vor dem Eintritts Neuer, weniger die Rücksicht auf das Schicksal der Kom­menden war die Triebfeder, als der Wunsch, vor verstärktem Wettbewerbe bewahrt zu bleiben.

Bei allen diesen Vorgängen handelte es sich ausschließlich um Er­werbs interessen. Die Unternehmer wollen zahlreiche, möglichst willige und billige Arbeitskräfte. Auch die von Amerika ausgehenden Prüfungen auf Berufseignung, die im Zusammenhange mit dem Ta^lors^stem für jede Tätigkeit die geeigneten Kräfte heranziehen und möglichst zweckmäßig ausbilden wollen, sind in erster Linie beherrscht vom Gewinnstreben der Unternehmung. Es soll rationell gewirtschaftet werden, um die Unkosten zu mindern, die Leistung und den Überschuß zu erhöhen; wenn auch nicht verkannt werden soll, daß Taylor davon auch eine Verbesserung der Arbeits­bedingungen, eine Erhöhung der Lebenslage, eine Vermehrung der Ar-