Der Vortrupp
H. Jahrgang Nr. O Oktober
Die nächste Nummer des „Vortrupp" 16 . Oktober erscheinen.
wird am 18 . statt am Vortrupp.
Deutsche Bildung.
An einem weltvergessenen Winkel der Ostfront saß ich in meinem Unterstände. Da hörte ich, wie draußen zwei Kameraden sich eifrig unterhielten. Ihr Gespräch schien sie innerlich so sehr zu bewegen, daß dadurch zuweilen die äußere Bewegung in ein Stocken geriet. Sie blieben also stehen, um ihrer Meinung um so lebhafter Ausdruck zu geben. Danach, innerlich befreit, setzten sie ihren weg fort. Der Zufall wollte es, daß sie auch gerade vor meinem Unterstände einen der Höhepunkte ihres Disputes zu überwinden hatten. Ich merkte, daß es sich um die allgemeine Beurteilung irgendeines mir unbekannten Menschen handelte und gab darum nicht sonderlich acht auf den Fluß der Rede und Gegenrede. Da machte ein Satz mich stutzig und zwang mich gegen meinen Willen, an der Unterhaltung inneren Anteil zu nehmen: „Mit seiner Bildung ist es nicht weit her; ich weiß, er kann nicht mal Französisch!" „So?" klang es darauf erstaunt von dem Andern zurück. Das Erstaunen galt aber nicht etwa der Ansicht des soeben Redenden, sondern dem nicht anwesenden Dritten, der hoffentlich von Herzen darüber gelacht hätte, wäre er dagewesen.
Mir aber gab das Urteil zu denken. Französisch können — gebildet sein; kein Französisch können — ungebildet sein? Überhaupt, was heißt Französisch können? Und noch mehr: was heißt gebildet sein?
wenn wir zur allgemeinen, vorläufigen Orientierung über den Begriff Bildung die Annahme vorwegnehmen, daß Bildung eine Formung, ein Gestaltgeben der Seele sei, daß durch Lebenserfahrung, durch Unterricht und Erziehung aus dem rohen Marmorblock der Seele ein irgend geformtes und herausgearbeitetes Bildwerk entstehe, so kann man wohl sagen, warum sollte an solch formender, gestaltender Arbeit nicht das Können einer so alten Kultursprache, wie es das Französische ist, erheblichen Anteil haben? Denn, wenn ich die Sprache kann, so lebe ich in ihr, und sie ist ein Teil meines Lebens geworden. Ich kenne nicht nur ihre Orthographie und Grammatik, ich kann sie nicht nur behelfsweise zum mündlichen und schriftlichen Ausdruck verwenden, sondern ich bin in die Elemente ihres
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