6. Jahrgang
rr Vortrupp
Nr. ^5
1. August W?
Vethmann Hollweg.
Berlin, den ^ 8 . 7 wli 49^7.
Nach Vorgängen, über die klar zu sprechen jetzt noch nicht möglich ist, besitzt Bethinann Hollweg heute keine äußerliche Nacht mehr. Gerade darum aber ist es für seine Anhänger womöglich eine noch reinere Freude als sonst, sich zu seiner Persönlichkeit und zu den leitenden Gedanken seiner Politik zu bekennen.
Bethmann Hollweg ist ein Bahnbrecher, der der Politik einen neuen weg eröffnet hat, den sie nicht mehr verlassen kann.
Paul Rohrbach hat an die Spitze seines Werkes „Der deutsche Gedanke in der Welt" als Leitstern die „Idee des Sittlichen" gestellt. Gustav Frenssen hat kürzlich den „Glauben an das ewig Gute in der Welt" das heiligste Gut der Menschheit genannt; er hat gesagt, gerade dieser Glaube sei die Krone, die gerade das deutsche Volk trage, und er verkündet, daß das deutsche Volk gerade diesen Krieg im Zeichen dieses Glaubens führe. Aus dem Felde aber treffen Briefe auf Briefe ein, die alle auf den Sinn gestimmt sind, den einer davon wörtlich s o faßt: „Daß auch im öffentlichen und politischen Leben Recht und Moral als oberste Richtschnur und Grundlage angesehen werden müssen".
Das ist die Auffassung, daß die Ethik die Politik beherrschen solle. Umgekehrt gibt es aber auch mächtige Strömungen, die erklären, daß die Lthik das nicht nur nicht könne, sondern auch garnicht dürfe: Die hochkonservative „Kreuzzeitung" hat eine Politik der „Einfalt, Einfachheit und Ehrlichkeit" ganz ausdrücklich verworfen; die freikonservative „Post" hat ausdrücklich erklärt, daß es uns nichts angehe, ob ein Sendbote deutscher Weltgeltung feindlich Gesinnten recht oder unrecht tue. Die „Alldeutschen Blätter" aber bezeichnen „Mensch - heits- und Kulturinteressen" als „Dinge, die mit den harten Notwendigkeiten praktischer Politik nun und nimmer in Einklang zu bringen sind" — und es hat deutsche Zeitungen gegeben, die nach dem Verrate Rumäniens spöttisch von dem „Luxus der weißen Weste" gesprochen haben.
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