Der Vortrupp
7 . Jahrg. W8 Nr. ^0 2.
2. Maiheft
Durch die Verfügungen über die Einschränkung -es I? " * Papierverbrauches sind wir, wie alle anderen Zeit
schriften, gezwungen, den Umfang zu beschränken. Damit wir den Inhalt nicht wesentlich zu kürzen brauchen, lassen wir den „Vortrupp" jetzt in kleinerem Druck erscheinen.
Es scheint mir von Interesse, ein Bild der Zukunft unsrer Kolonien zu zeichnen, wie sich dieses Bild dem berufensten Sachverständigen darstellt, den Deutschland hat: dem Staatssekretär des Reichskolonialamtes, 0r. Solf. Dieses Bild gewinne ich aus systematischer Durcharbeitung der folgenden fünf öffentlichen Kundgebungen des Staatssekretärs: der Rede in der Berliner „Philharmonie" vom 2^. Dezember 1917; dem Briefe von Anfang Januar (918 an Dr. Grabowsky, den Herausgeber der Halbmonatsschrift „Das neue Deutschland"; der Ansprache von Anfang Februar I9s8 auf der Iahrestagung der „Deutschen Evangelischen Missionshilfe"; der Rede in der Reichstagssitzung vom 27 . Februar 19(8; der Ansprache von Anfang März 1918 in der Abteilung Berlin der „Deutschen Kolo- nialgesellschaft".— Es handelt sich also heute um einen Bericht darüber, wie der Staatssekretär, unser berufenster Sachverständiger, die kolonialen Dinge des Reiches sieht; wie immer bei solchen Berichten bediene ich mich aber, um die Darstellung lebendiger zu machen, durchgängig der direkten Rede.
was Solfs Grundanschauungen angeht, so bewegen sie sich durchaus in den Bahnen der ethischen Politik: genau wie Prinz Max von Baden seine politischen Ideen unter den obersten Gedanken des „Weltgewissens" stellt, so kennt Solf ein „internationales Gewiss en" (als Forderung für die kommende Entwicklung). Lr stellt weiter fest, daß es ein d euts ch es politisches Gewissen als bereits heute praktisch wirkende Macht gibt, für das gewisse „Postulate unsrer Weltanschauung" bestehen. Er kennt „Pflichten" der weißen Rasse gegen die Eingeborenen, er hält den „Friedensligagedanken" hoch — also den Gedanken, daß man versuchen müsse, die Anarchie zwischen den Staaten zu beseitigen (mit der selbstverständlichen Erklärung: Vorbedingung dafür, daß dieser Gedanke zu einem wirklichen Werkzeug des Friedens werden könne, sei die, daß die Völker gegenseitig ihre Lebensinteressen achteten). — Dieser ethische Grundzug der politischen Gedankenwelt Solfs zeigt sich auch in viel»: Einzelheiten, die wir noch berühren werden. In dem kommenden Frieden sieht Solf einen Heilungsprozeß, der mit allen Krankheitsherden aufräumen wird.
Schriftleitung und Verlag des „Vortrupp*.
Berlin, den 2. Mai 1918.
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