Der Vortrupp
5. Jahrgang Nr. 4 P. Februar ^^6
Biedermeier, „empfindsame Zeit" und die Zukunft.
Die ungeheuren Erlebnisse der Jetztzeit lassen es uns öfter so vorkommen, als hätten wir nur noch eine Gegenwart und eine dunkle Zukunft, als sei alle Vergangenheit tot und vorbei, als seien wir nur ein Anfang einer Neuentwicklung zu unbekanntem Endziel hin, und als gäbe es hinter uns gar keinen weg mehr.
Ganz gewiß ist es unsere vornehmste Aufgabe, alles Vergangene dahinten zu lassen und uns ganz auf die Zukunft einzustellen. Und doch kann die Vergangenheit uns einen Dienst erweisen, für den wir ihr dankbar sein müssen. Es mag Zeiten gegeben haben, deren Menschen in ähnlicher Lage waren wie wir heute, sie sollten auch etwas Neues aufbauen und waren auf der Suche nach ihrem neuen Ziel; sie irrten vielleicht im Sucher:, aber sie erweiterten dadurch nur den Umfang ihres Blickfeldes. Die Betrachtung solcher Zeiten könnte vielleicht einige Lichter auf entsprechende Vorgänge und Bestrebungen unserer Tage werfen und uns so befähigen, die Gegenwart besser zu verstehen. Natürlich würden dann aber jene fernen Zeiten niemals und unter keinen Umständen Vorbilder für das Handeln in der Jetztzeit bieten können. Nur Hinweise und Anregungen können sie uns vielleicht geben, aus ähnlich gerichtetem Geiste jetzt etwas Neues zu schaffe m
Es gibt zwei Zeiten, die hierbei in erster Linie in Betracht kommen. Beide folgten auf kriegerische Zeitläufte, beide spielen in der deutschen Kulturgeschichte ihre sehr bedeutsame Rolle: die „empfindsame" Zeit nach dem siebenjährigen Kriege und die Biedermeierzeit nach den Befreiungskriegen. Beide Bezeichnungen sind nicht recht glücklich gewählt, aber sie sind nun einmal eingebürgert.
was Biedermeier ist, wissen wir alle recht gut, — oder wir meinen es zu wissen. Aus unseren Museen kennen wir das schöne alte Mahagonihausgerät, das so oft das Entzücken der Besucher erregt, weil es an die Stuben bei Großeltern oder Urgroßeltern erinnert: die machtvoll getürmten Roßhaarsofas mit den gerollten Lehnen und oft mit Fächern an den Seiten, die zierlichen Nähtischchen mit Buchsbaumeinlagen, die schönen dunkelbraunen „Sekretäre" mit der trau-