Der Vortrupp
5. Jahrgang Nr. ^ Januar W6
Weltkrieg und Wahrheit.
Es ist stets so gewesen, daß neben aller: guten Erfahrungen die bösen liegen. In diesen: Weltkriege ist das nicht anders. Neben den herrlichen Offenbarungen, die wir während des Krieges innerlich erlebt haben, treten nach und nach auch gewisse verheerende Wirkungen hervor, die der Krieg besonders in den Köpfen ideal gesinnter Menschen angerichtet hat. wieviel Glauben ist zerstört, wieviel Hoffnung geknickt, wieviel Altäre sind in den Herzen edler Menschen zertrümmert worden!
Der Gedanke der Völkerverständigung hatte sich in den letzten Jahren, trotz allen Mißverständnissen und Angriffen, immer mehr Bahn gebrochen. Man durfte hoffen, daß die Zeit nicht mehr ferne sei, in der das Recht anstatt der Gewalt als entscheidender Faktor bei der Schlichtung internationaler Schwierigkeiten gelten würde. Internationale Vereinigungen zur Lösung wichtiger wissenschaftlicher, sozialer und technischer Fragen entstanden in immer größerer Zahl. Tüchtige Gelehrte aller Nationen arbeiteten an dem Ausbau des Völkerrechts. Alles das ist durch den Krieg mit einem Schlage gefährdet, ja vernichtet worden. Die Ideale, an deren Erfüllung mit so viel Begeisterung und mit solch leidenschaftlichem Eifer gearbeitet wurde, liegen zerbrochen am Boden. Manch starker, edler Geist ist der Verzweiflung anheimgefallen. Ein bekannter Vertreter des Völkerrechts hat den Zusammenbruch nicht überleben wollen und ist freiwillig aus dem Dasein geschieden.
Die Frage steht vor uns, haben wir uns alle durch Irrlichter blenden lassen? Ist es tatsächlich dahin gekommen, daß wir, wie man uns von Märkten und Straßen entgegenschreit, „eine Umwertung aller werte" vornehmen müssen?
Mit nichte::! Die wirklichen werte des Lebens sind dauernd und ewig. Sie können nicht durch zufällige Ereignisse erschüttert werden. Oder will man etwa den Krieg als den naturgemäßen und wesentlichen Zustand unsres Lebens erklären, der uns gewissermaßen erst die Augen geöffnet, uns aus Finsternis, Verblendung und Irrtum erlöst hat, daß wir Menschen, Welt und Gott erst im Lichte zu schauen vermögen? Liegt nicht jene Möglichkeit näher, daß