Der Vortrupp
5. Jahrgang Nr. ^6. Dezember
Die Entwicklung der Kinematographie im Kriege.
i.
„Der Krieg hat euch eine Bresche geschaffen, ihr Kinoreformer — werdet ihr nun eindringen und den weg verfolgen?" So schrieb ich im Vorwort meiner gerade bei Kriegsausbruch erscheinenden Schrift „Der Kino und die Gebildeten" (M.-Gladbach, Lichtbühnen-Bibliothek). )n einer Dürerbundes-Flugschrift „Die Aufgaben der Kinematographie in diesem Kriege" schilderte ich, welche Aussichten auf Erfolg die Kinoreform jetzt habe. Das bis dahin größte Hindernis erfolgreicher Arbeit, der große, meisterhaft organisierte Ring der im feindlichen Auslande wurzelnden Welt-Geschäftskinematographie war für Deutschland und Österreich mit einem Schlage beseitigt. Die deutsche Kinematographie, die bisher wesentlich ein Anhängsel dieser Auslandsmacht gewesen war, würde einem planmäßigen, kraftvollen Vorstoß der Kinoreformer nichts Gefährliches entgegenzusetzen gehabt haben. Die am empfindlichsten betroffenen, nach Verbrauch der noch im Lande befindlichen fremden Filmvorräte notleidenden Kinobesitzer würden Hilfe, woher sie auch käme, gern annehmen. Hilfe natürlich, nicht „Kritik"; Vorführungsstoff, nicht Worte.
Zch wies nach, daß und wie der Krieg selber der Kinematographie eine der gewaltigsten Aufgaben, weit über die augenblickliche Reinigung des Vorführungsstoffes hinaus, bieten würde. Zch sagte, daß ihre große Stunde gekommen sei. Für den Augenblick mußte und konnte die Reformbewegung ihre entscheidende Arbeit tun: das Schwergewicht des Bilderstoffes vom nichtigen „gestellten" Schauspiel auf die Wirklichkeitswiedergabe hinüberzuwälzen, in der die Stärke und der Beruf dieser Technik liegt. Künftig nicht mehr neun Zehntel gestellte und ein Zehntel Naturbilder, sondern neun Zehntel Wirklichkeit aus tausend Quellen und ein Zehntel Versuche, aus Phantasie und Glaslinse eine neue Unterhaltungsform zu entwickeln, die mit der bisherigen „Paxp- bühnen"-Nachahmung nichts zu tun haben würde.