Der Vortrupp
5. Jahrgang Nr. ^3 ü Juli M6
politische Bildung.
„wir müssen, für die Zukunft eine Kräftigung der politischen Überzeugung in der öffentlichen Meinung und im Parlament erstreben."
Btsmarck (30. Juli (8Y2.)
Seit Beginn des Krieges ist der Staatsgedanke zu einer überwältigenden Macht emporgestiegen. Wohl niemals in der Geschichte der Menschheit, selbst nicht im alten Rom, ist das Bewußtsein, Staatsbürger zu sein, mit solcher Eindringlichkeit jedem Einzelnen eingeprägt worden. Von der Aufopferung des Lebens an bis zu den kleinen Entbehrungen und Einschränkungen, denen das materielle und geistige Dasein jedes Deutschen unterworfen ist, predigt uns alles die Lehre, daß der Einzelne nichts gilt gegenüber dem Staate. Die persönliche Freiheit ist bis zu einem gewissen Grade aufgehoben, und die gewöhnliche Lebens- und Anschauungsweise hat sich so verschoben, daß für sie die sonst geltenden Kulturziele kaum noch zu bestehen scheinen. Das politische im weitesten Sinne hat seit Monaten alle anderen kulturellen Bestrebungen vollständig zurückgedrängt oder, soweit es möglich ist, sich dienstbar gemacht; zum Beispiel in der Wissenschaft und Kunst, denen der Krieg mannigfache neue Aufgaben stellte.
Doch auch dieser Ausnahmezustand wird vorübergehen und allmählich den gewöhnlichen Verhältnissen Platz machen. Das Kriegserlebnis wird gewiß in den Herzen aller unauslöschlich bleiben. Anders vielleicht verhält es sich mit dem xolitischenErlebnis im engeren Sinne.
Unter dem politischen Erlebnis verstehe ich jene Erfahrung, daß das Leben eine lange Zeit hindurch völlig durch den Staat bedingt und von ihm abhängig war. Erlebnisse im tieferen Sinne zu haben, ist nicht Allen gegeben. Nicht jeder, der im Kugelregen gestanden und dem Tode ins Auge geschaut hat, ist dadurch innerlich umgewandelt. Und doch können wir von einem wahren Erleben nur da sprechen, wo sich das äußere Ereignis zu einer ganz neuen Anschauungsweise und Überzeugung umgesetzt hat. So kann auch die Periode des „Staatssozialismus", die wir jetzt durchmachen, am Einzelnen vorübergehen, ohne seine Ansichten über Staat und Staatsbürger wesentlich umzugestalten, wem sie zum politischen Erlebnis wird, der ist nach dem Kriege in dieser Hinsicht ein anderer Mensch als
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