Der Vortrupp
5. Jahrgang Nr. ^2 ^6. Juni W6
Unser Kanzler.
Der „Vortrupp" hat sich schon vor dem Kriege ausdrücklich zu der P>erson unsres jetzigen Reichskanzlers bekannt. Was wir jetzt erleben, veranlaßt uns, dieses Bekenntnis nachdrücklich und freudig zu wiederholen:
Daß Herr v. Bethmann Hollweg gut und klug ist, war schon vorlängst bekannt. Seine Güte hat ihm den Mut gegeben, zuerst von allen leitenden Staatsmännern der kriegführenden Völker, das erlösende Wort von der Friedensbereitschaft auszusprechen. Und seine Klugheit läßt ihn erkennen, daß ein Friede von der Art, wie ihn Bismarck im Jahre 1.866 mit Gsterreich-Ungarn geschlossen hat, von allen Arten die besten Früchte trägt — die Früchte jenes Bis- marckschen Friedens genießen wir ja gerade jetzt.
Was aber die letzte Zeit Manchem, der es noch nicht wußte, neu gezeigt hat, das ist, daß der jetzige Kanzler des Deutschen Reiches auch ein sehr starker Mann ist. Es hat eine Kraft dazu gehört, wie sie nur ganz Wenigen eigen ist, um — allen möglichen Strömungen zum Trotz (sie näher zu kennzeichnen, verbietet der Burgfriede) — in dem verhängnisvollen Streit mit Nordamerika die Lösung durchzusetzen, die der Kanzler durchgesetzt hat. Er hat unserm Deutschland damit wenigstens ein Zahr Krieg und zum mindesten einige hunderttausend deutsche Menschen gespart; er hat wahrscheinlich damit auch verhindert, daß sich sonst, trotz aller Siege, das Schicksal schließlich doch noch gegen uns gewendet hätte.
Davon, daß dem deutschen Reichskanzler diese Kraft erhalten bleibt, hängt jetzt das Geschick unsres Volkes ab. Nach dem, was bisher geschehen ist, dürfen wir aber auch bestimmt hoffen, daß er stark bleibt. Und daß er alle Versuche Unberufener (sie zu nennen und ihre Beweggründe zu beleuchten, verbietet ebenfalls der Burgfriede), uns in eine P>olitik uferloser Abenteuer und unabsehbarer Kriegsdauer zu stürzen, ebenso kühl und bestimmt ersticken wird, wie bisher. Seine prachtvolle Reichstagsrede vom 5. Juni ist uns eine neue Gewähr dafür.