Jahrgang 
1916: 1916
Entstehung
Seite
321
Einzelbild herunterladen
 

Der Vortrupp

5. Jahrgang Nr. ^ l- Juni

Aufgaben der deutschen Bevölkerungspolitik.

wir Deutschen werden wie Pros. Max v. Gruber sagte in hundert Jahren entweder ein 200 Millionen-Volk oder ein Vasallenstaat Ruß­lands sein. Eigene Beobachtung und Bevölkerungsstatistiken geben einst­weilen wenig Raum für die ausschweifende Zukunftshoffnung auf ein 200 Millionen-Volk. Der Ernst unserer Lage weist aber gebieterisch auf eine energische Bevölkerungsxolitik als vornehmstes Problem für Volk und Staat. wie wenig geschult heute noch weite Kreise an bevölkerungs­politische Fragen herangehen, zeigen allerlei hohle Schlagworte, mit denen man über die Tatsache des Geburtenrückganges, der sich jetzt endlich auch amtliche Kreise nicht mehr verschließen, hinwegzukommen sucht. Nicht die Zahl, sondern die Güte des Nachwuchses sei für ein Volk ausschlag­gebend; eine geringe Kinderzahl gebe die Gewähr für eine sorgfältigere Aufzucht. Das Frankreich unserer Tage mit seinem Zweikinder- oder richtiger Linkindsystem beweist aufs schlagendste die ganze Fadenscheinig- keit solcher Beweisführung. Auch die immer weiter sinkende Sterblich­keitsziffer kann den Geburtenrückgang nicht dauernd ausgleichen. Die Bekämpfung der Sterblichkeit, besonders im Säuglingsalter, wird ohne Zweifel noch weitere Fortschritte machen und die Zahl der Todesfälle entschieden noch tieser sinken durch den Ausbau unserer hygienischen Ein­richtungen und das Fortschreiten der ärztlichen Wissenschaft. Aber die durchschnittliche Lebensdauer wird in einer Zeit des rastlosen nerven- zerrüttenden Vorwärtshastens nicht steigen, und die Einschränkung der Sterblichkeit findet ihre natürliche Grenze, während die gewallte und die ungewollte Geburtenbeschränkung schon jetzt eine Grenze erreicbt hat, die wir nicht mehr überschreiten dürfen, ohne die Zukunft des Volkes zu gefährden.'

Ein ebenso trügerischer Schluß ist es, den Geburtenrückgang mit der Abnahme der Eheschließungen in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Die umstehende (Tabelle zeigt, daß die Zahl der Eheschließungen seit ^870 immer ungefähr die gleiche Höhe hatte, während die Geburtenzahl ständiq zurückgegangen ist.

Es entfielen in Deutschland auf foooo Einwohner:

1