Der Vortrupp
5 . Jahrgang Nr. 9 I- Mai Wü
Keine Episode.
Je näher wir dem endgültigen und vollkommenen Sieg über unsere Feinde kommen, um so lebhafter regt sich die Frage, in welchem geistigen und wirtschaftlichen Verhältnis die Zeit nach dem Kriege zu der Zeit vor stehen wird. Es wird alles wieder wie vorher, hört man da sagen; schnell vergesse man das Schwere, setze da wieder ein, wo man in der Kultur stehen geblieben sei, und betrachte die Kriegszeit mehr oder weniger als einen lästigen, von schweren Schicksalsschlägen begleiteten Aufenthalt im Weltgeschehen und in der persönlichen Entwicklung: eine Episode also ... eine Irrung schließlich ... wohlgemerkt: politisch meint man das natürlich nicht, politisch wird und muß der Krieg Umwälzungen bringen — aber für das Sozialleben, für den geistigen Ausbau der Kulturmenschheit und die Grundlagen der Weltwirtschastssührung meint man das — und nur darüber soll hier gesprochen werden.
Daß der Weltkrieg eine große Verirrung der Menschheit ist, mag richtig sein; nur liegt diese Verirrung durchaus nicht etwa in dem Ausbruch des Kampfes an sich, der durch allerlei künstliche Mittel, durch überreiche Friedensliebe der Mittelmächte noch etwas hätte hinausgeschoben werden können —; die Verirrung liegt viel weiter zurück: in der imperialistischen Ausbreitungssucht Englands, im Herrschaft- und Unterjochungsprogramm Rußlands, und noch tiefer in dem ewig-unabänderlichen Widerstreit zwischen bescheidenem Arbeitsverdienst und spekulativem Zins- und Spielergeist. Es ist fürwahr letzten Endes ein Wirtschaftskrieg, und die Politik dient hier der Wirtschafts- und Geistesverfassung.
Ein Widerstreit also zwischen bescheidenem Arbeitsverdienst und spekulativem Zins- und Sxielergeist scheint mir eine der Grund- formeln dieser Weltkatastrophe. Dabei ist „Bescheidenheit" beim Arbeitsverdienst nicht gleichbedeutend mit geringem Verdienst; er darf schon groß sein, der Verdienst, aber er soll erarbeitet sein, soll produktive, wahrhastige, sozialethisch gültige, wirtschaftlich zutreffende Herkunft haben. Das ist der deutsche wirtschastsgedanke: der Wirtschaft ernst, der uns groß gemacht hat.
Der andere Gedanke aber ist dem nicht gleich: an allen Ecken der Welt aus der Arbeit Anderer sich hohes Einkommen zu verschaffen,
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