Jahrgang 
1916: 1916
Entstehung
Seite
225
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Der Vortrupp

5. Jahrgang Nr. 8 ^6. April W6

Nenschheitsostern.

Aus dem kurzen Kriege, iri den die Heere aller von Anfang an betroffenen Staaten hineinzugehen glaubten, ist ein zähes, erbit­tertes Ringen geworden, dessen Ende nach 20 Monaten unvorstell­baren Blutvergießens noch nicht abzusehen ist, in das nur selten ein in wenigen Tagen erkämpfter, ergebnisreicher Sieg wie ein Wetter- schlag in endloses Gewittergrollen hineindröhnt. was hätte ein rascher, entscheidender Sieg, wie wir ihn wohl alle im Herbst 4914 erhofften, für uns bedeutet? Müßiges Fragen! Nur eins ist gewiß: Ein Krieg von kurzer Dauer hätte in das Antlitz der Menschheit niemals so tiefe Spuren gerissen wie dies unabsehbare Elend. Wer daraus hervorgeht, ist gezeichnet auf Lebenszeit. Dies ganze dul­dende Geschlecht trägt das Mal eines blutigen Schicksals, das nicht ohne Schuld ist.

Rätselhaft verschiedenartig, ja entgegengesetzt ist die Wirkung des Krieges auf die einzelnen Menschen. Erhoffen die Einen als Frucht des Kampfes eine herrliche Wiedergeburt des deutschen Volkes, an deren Notwendigkeit wohl kein Einsichtiger vor dem Kriege mehr zweifeln konnte, so sehen die Anderen als seine einzige Folge den endgültigen, unheilbaren Zusammenbrach ganz Europas voraus, einen Zusammenbrach, der nicht nur die äußere Wohlfahrt der Völker vernichtet, sondern auch ihre sittliche Entwicklung unter­bricht und aufs schwerste gefährdet. Ihnen bedeutet dieser Welt­krieg einen Rückfall in Zeiten finsterster Barbarei, wie er vernich­tender nicht gedacht werden kann, nicht also eine Entartung der Menschheit, sondern vielmehr ein Anheimfallen an Urtriebe der menschlichen Natur, die gerade ihrer Art entsprechen.

Mag es dahingestellt bleiben, ob wirklich dunkle Mächte, Blut­instinkte, die seit Urzeiten in der Menschheit schlummern, den Krieg herbeigeführt haben; sicher ist, daß Neid, Habgier und Selbstsucht ihre traurige Rolle dabei gespielt haben neben Furcht und Miß­trauen und der Mißachtung fremder Volksrechte. Viel wichtiger ist heute die Frage, was der geschlagenen Welt nottut, um von der Geißel dieses Krieges befreit zu werden, was geschehen muß, daß künftige, glücklichere Geschlechter von solch furchtbarer Not ver­schont bleiben.