Der Vortrupp
5. Jahrgang Nr. ? April W<s
Ein Fleck im Gewands der deutschen Sprache.
wer sich viel mit fremden Sprachen zu befassen hat, vergleicht sie naturgemäß mit der eigenen. Es stellen sich dabei Vorzüge und Schwächen hüben und drüben heraus, und hier und da wird sich der Wunsch regen, diesen oder jenen Vorzug der fremden in die Muttersprache übertragen zu sehen. Das sind meist fromme Wünsche, die unerfüllt bleiben, denn die Sprache eines Volkes ist ein natürlich Gewächs, ein Baum, den man im ganzen hinnehmen muß, wie er gewachsen ist. Und doch ist sie „kein wildstamm, sondern ein Pflegling des Gärtners". Aber es gibt auch ungeschickte Gärtner, die der Natur des Baumes und seiner Schönheit nicht Rechnung tragen, wie, wenn sie ihren Pflegling in bester Absicht verbilden und verschänden? Ich meine, die berufenen Hüter des heiligen Hortes unserer Sprache müßten die Befugnis haben, den Mißgriffen früherer Grammatiker wie den Modetorheiten des Tages durch das Mittel sprachlicher Gesetzgebung zu begegnen. Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, die natürliche Entwicklung stoße das Ungesunde von selbst ab; es gibt sprachliche Übel, die sich dermaßen festsetzen, daß alle kommenden Geschlechter daran zu tragen haben. Ein Beispiel mag es beweisen: Hätten wir im 18 . Jahrhundert, ähnlich wie die Franzosen an ihrer Akademie, eine Körperschaft besessen, bestehend aus den besten Köpfen, Meistern des Wortes und der Feder, denen die Pflege unserer Sprache obgelegen hätte, es wäre uns erspart geblieben, was Jacob Grimm als einen Fleck in ihrem Gewand bezeichnet, unsere Anrede mit „Sie".
wie ist diese entstanden? Neben die natürliche Anrede mit .„Du" trat schon früh die höfliche mit „Ihr". Der Umstand, daß nach dem Vorgang der römischen Kaiser die deutschen Könige und Fürsten, um ihre Hoheit gebührend hervorzuheben, von sich selbst in der Mehrzahl redeten, bewirkte, daß es bereits im 9. Jahrhundert üblich war, Könige und hohe Herren nicht Du, sondern Ihr zu nennen. Man wagte es nicht, diejenigen, die sich selbst mit „wir" bezeichneten, mit „Du" anzureden. Dieser Brauch wurde in der feineren Welt allmählich gang und gäbe und erhielt sich bis ins 18 . Iahrhnndert. I^n 44., 45. und is. Iahrhnndert nahmen aber zugleich die Titel Majestät, Gnaden, Hochwürden und andere überhand. Solchen hochstehenden Personen gegenüber gebrauchte man dann den Titel als