Der Vortrupp
8. Jahrgang Nr. 2H 2. Dezemberheft
Wie ich die Theosophie sehe.
Hamburg, den 6. Dezember
von allen Gebieten menschlichen Geisteslebens, mit denen ich in Berührung gekommen bin, ist die Theosophie dasjenige, das mich am meisten gefesselt hat. Ich bin der Überzeugung, daß selbst sür einen Menschen, dem jedes andre Streben und Planen im Leben fehlgeschlagen wäre, die Beschäftigung mit der Theosophie noch einen vollen, und mehr als vollen, Lebensinhalt geben könnte. Ich sagte, daß ich mit der Theosophie „in Berührung gekommen sei"; das bedeutet: Ich habe bisher weder zu einem eingehenden Studium der Sache Zeit und Arast übrig gehabt, noch gar zu der praktischen Arbeit darin und dafür, von der noch zu sprechen sein wird. Ich habe nur darüber gelesen und gelegentlich mit Menschen darüber gesprochen. Daher kann ich auch nicht darüber schreiben, was die Theosophie i st, sondern nur darüber, wie sie sich mir nach meiner verhältnismäßig oberflächlichen Berührung mit ihr darstellt, also „wie ich sie s eh e".
„Theosophie" heißt zu deutsch: „Das wissen von Gott" oder„über Gott". Der in Deutschland gegenwärtig anscheinend bedeutendste Vertreter der Theosophie, Rudolf Steiner, braucht sür dieselbe Sache den Ausdruck „Anthroposophie", was entsprechend bedeutet: „Das wissen vom Menschen", oder „über den Menschen". Beide Bezeichnungen scheinen mir angesichts dessen, was zu sein die Theosophie, so weit ich sehe, tatsächlich Anspruch macht, zu eng: Ich würde das, worum es sich hier handelt, vielmehr „Ontosophie" nennen, und würde das übersetzen: „Das wissen vom All".
Soviel ich sehe, ist die Theosophie indischen Ursprungs, mir scheint, daß sie sich in Europa zunächst als eine Lehre gegeben hat, deren Kenntnis das Vorrecht eines engeren Areises von Eingeweihten im Buddhismus und im Brahmaismus war. Jedenfalls trug das Buch, durch das ich zuerst, im Jahre l88Y, mit diesen Dingen bekannt wurde, den Titel „Die Esoterische Lehre oder Geheimbuddhismus"*). Heute gibt es ja eine sehr umfangreiche theosophische Literatur
*) von A. P. Sinnett, Übersetzung au- dem Englischen, Leipzig 188 §, I. L. Hinrichssche Buchhandlung.